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Monthly Archives: July 2018

Das Ich, umkreist wie ein Fremdkörper

Segmente einer Biographie: Andrea Scrima erzählt ein Leben, gebaut aus Erinnerung und Fantasie.

Anton Thuswaldner in Die Furche, Sonderbeilage „Booklet“, April 2018

 

 

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Es geht sprunghaft zu in diesem Buch, das sich auf kleine Segmente einer Biografie konzentriert, die dafür detailgenau festgehalten werden. Chronologie wird aufgehoben, Linearität wird so im Vorfeld unmöglich gemacht. Eine Synchronizität der Ereignisse stellt sich ein, was deren Enthierarchisierung entspricht.  (…) Die Szenen, angesiedelt an konkreten Adressen, die dem Buch Bodenhaftung verschaffen, werden flankiert von kürzeren Passagen reflexiver Gestalt, in denen ein Ich Selbstüberprüfung anstrebt, intensiv Auskunft über eigenes Denken und Fühlen erteilt. Das eigene Ich wird umkreist wie ein Fremdkörper, ein rätselhaftes Ding, das sich nicht recht erschließen lässt. „Ein Blick, mehr nicht, und eine stille Lawine gerät in Bewegung, eine stumme Katastrophe.“ So könnte eine Poetik beginnen, die davon ausgeht, wie aus etwas scheinbar Harmlosem etwas Bedrohliches entsteht. Das Bedrohliche im konkreten Fall rührt daher, dass der Blick auf äußere Anzeichen angewiesen ist, aus denen er ein Ganzes formt. Das Problem – Lob der Fantasie hin, Kritik der Fantasie her – besteht darin, dass sich ein Individuum aus diesen Kürzeln einer Beobachtung nicht definitiv benennen lässt. Wahrheit ist eben nicht so leicht aus der reinen Anschauung zu haben. Gestehen wir es jedem zu, für den anderen Fragment bleiben zu dürfen. Das ist ohnehin schon sehr viel.

 

The book, which consists of short biographical segments described in great detail, skips from scene to scene. Chronology is suspended from the start, all linear continuity rendered impossible. A synchronicity of events crystallizes just as any hierarchy that might arise between them is dissolved; temporal planes merge to create a parallelism of concurrence. (…) The scenes in A Lesser Day take place at concrete addresses that anchor the book in time and place; they are flanked by shorter passages of a more reflective nature in which a self subjects itself to scrutiny, takes immediate stock of its thoughts and feelings, circles around itself like a foreign body, a mysterious thing that doesn’t quite lend itself to comprehension. “A look, nothing more, and a quiet avalanche is set into motion, a wordless disaster.” This could form the departure point of a poetics that explores how something seemingly harmless can transform into something perilous. In concrete terms, the threat derives from the fact that our understanding of things is contingent on external impressions out of which we fashion a larger whole. The problem with this, regardless of however we might praise or criticize fantasy, is that an individual can’t be reconstructed definitively from abbreviated perceptions—it’s not that easy to distill truth from observation. Better to allow ourselves to remain fragmentary to one other—that alone would be considerable.

Versuchen Sie es: Versuchen Sie einmal, über das Lesen zu sprechen, ohne thematisch dahin abzuschweifen, wie das Internet die Art unserer Informationsaufnahme verändert hat. Ich – und auch die Mehrheit der Menschen, die ich kenne, deren Lesegewohnheiten schon lange vor dem Aufkommen von digitalen Zeitschriften und Zeitungen, Google Books, Blogs, RSS-Feeds, Social Media und Kindle geprägt wurden – habe meist das Gefühl, dass ich nur dann wirklich lese, wenn ich ein Druckwerk vor mir habe, unter einer Leselampe, wenn Bildschirm und Telefon ausgeschaltet sind. Aber in Wirklichkeit lese ich sehr viel online.

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Try it: try talking about the subject of reading without drifting off into how the Internet has changed the way we absorb information. I, along with the majority of people I know whose reading habits were formed long before the advent of digital magazines and newspapers, Google Books, blogs, RSS feeds, social media, and Kindle, usually feel I’m only really reading when it’s printed matter, under a reading lamp, with the screen and phone turned off. But the reality is that I do a vast amount of reading online.

 

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Spreading the word on the inimitable Lydia Davis in the German-speaking world. 

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Die Geschichten des Erzählbandes Almost No Memory, erstmals 1997 veröffentlicht und 2008 in deutscher Übersetzung (Fast keine Erinnerung) im Literaturverlag Droschl erschienen, können als psychologisches Porträt einer Frau mittleren Alters gelesen werden, die sich mit all den üblichen Dingen auseinandersetzt, die das Leben ab einem gewissen Alter zu bieten hat: die Verwerfungen häuslicher Zwietracht, schrumpfende Horizonte, die ernüchternde Erkenntnis, dass uns nur noch sehr wenig ändern kann. Der Stimmen gibt es viele und eine, die in einer Polyphonie von vorausahnender Angst und Resignation zusammenlaufen. Wir hören „Ehefrau Eins, eine oft rabiate, zurzeit aber ruhige Frau“, die alleine zu Abend isst, nachdem sie mit „Ehefrau Zwei“ telefoniert hat; eine Professorin, die davon träumt, einen Cowboy zu heiraten, obwohl sie „so sehr an die Gesellschaft [ihres] Mannes gewöhnt [ist], dass [sie] ihn, sollte [sie] tatsächlich einen Cowboy heiraten, würde mitnehmen wollen“; und eine Frau, die sich „in einen Mann [verliebte], der schon seit einigen Jahren tot war“. Dann gibt es eine Frau, die „aus dem Haus [läuft], das Gesicht weiß, der Mantel wild flatternd, … ‚Rettung! Rettung!‘ rufend“; eine andere, die sich wünscht, eine zweite Chance zu haben, aus ihren Fehlern zu lernen; und eine, die „keine andere Wahl [hat], als weiterzumachen, so als wüsste [sie] im Großen und Ganzen, was [sie ist], auch wenn [sie sich] manchmal vielleicht vorzustellen versuch[t], was es denn nun ist, was die anderen wissen, wovon [sie] nicht weiß“. Die Liste setzt sich fort: Wir erfahren von einer Frau, die sich fragt, warum sie ihren Kindern gegenüber so bösartig werden kann; von einer anderen, die beim Anblick von „allem Pulsierenden, allem Stoßenden; allem kerzengerade in die Höhe Ragenden, allem Waagrechten und Auseinanderklaffenden“ an Sex denkt; und wieder einer, die „voll bösen Willens gegenüber jemandem [ist], den [sie . . .] lieben sollte, und voll bösen Willens gegen [sich] selbst, und ganz entmutigt, was die Arbeit angeht, die [sie] erledigen sollte“.
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Manuskripte 220

Radio interview with Joachim Scholl at Deutschlandfunk Kultur

(in German language)

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Scholl: Sie haben, wie ich finde, eine ganz intensive Sprache gefunden. Ich lese mal einen Satz vor, es ist mein Lieblingssatz. Da erklärt die Erzählerin, dass ihr Hund davongelaufen ist. Sie sucht ihn, findet ihn nicht, kommt dann mit einem anderen, der ihr zuläuft, wieder nach Hause. Und dann heißt es, Zitat: “Und so waren wir heimgekehrt mit einem Hund, einem nassen, hungrigen kleinen Hund, der mit einem tiefen, erschöpften Seufzer in meinen Armen zusammenbrach, als ich sein klatschnasses Fell mit dem Handtuch trocknete.” Ich weiß jetzt nicht, ob es daran liegt, dass ich mit jedem Jahr sentimentaler werde, aber ich habe so entzückt und tief geseufzt, als ich diesen Satz sah, diesen wunderschönen Satz. Ich habe mich gefragt, wie haben Sie diese Sprache gefunden?

Scrima: Das kann ich nicht beantworten. Man schreibt nicht mit einer Schreibstrategie im Hinterkopf. Ich glaube, es geht vielmehr darum, dass man versucht, den Zugang zu sich selbst möglichst intensiv zu ermöglichen. Und ich kann das selbst nicht unbedingt sagen, wie ich das gemacht habe. Das ist für jeden anders. Für jedes Buch ist es anders. Ich arbeite noch an einem Roman, der mir das Leben sehr schwer macht.

Scholl: Sprachlich kann ich mir das nicht vorstellen bei Ihnen, Frau Scrima. Vorhin sagten Sie kurz, dass Sie das Buch geschrieben haben, als Sie Ihr Baby gerade hatten. An einer Stelle, glaube ich, zieht das Baby unterm Tisch den Stecker aus dem Computer, und dann schreibt sie “Alles ist verloren”. Da dachte ich, ist das hoffentlich erfunden, oder war das so?

Scrima: Das ist sozusagen die Metapher für die Mutterschaft in den ersten paar Jahren. Wie das Kind einem immer einen Strich durch die Rechnung macht. Das ist in erster Linie auch als Metapher zu verstehen.

“The national narrative is a narrative of infantilization, a fairy tale written for children in which love, sex, family, in fact all human endeavor, is sentimentalized, stripped of nuance and ambiguity and all of life’s inherent contradictions. We need everything spelled out; we are a culture with childish notions, even of childhood.”

Read the essay in The Millions. 

Uncle Sam

Identity is a construct that forms in response to a psychic need: for protection, for validation, for a sense of belonging in a bewildering world. It’s a narrative; it tells itself stories about itself. But identity is also a reflex, a tribal chant performed collectively to ward off danger, the Other, and even the inevitable. Its rules are simple: They demand allegiance; they require belief in one’s own basic goodness and rightness. It’s a construct based not in fact but on belief, and as such it has far more in common with religion than with reason. I try for the life of me to understand what it is and how the fiction of what this country has become has turned into such a mind-altering force that one can only speak of mass hypnosis or a form of collective psychosis in which the USA still, bafflingly, sees itself as the “greatest nation on Earth,” in which anything that calls what makes America American into question is met not with impartial analysis or self-scrutiny but indignant and often hostile repudiation. We have, as Baldwin observed in his Collected Essays, “a very curious sense of reality—or, rather…a striking addiction to irreality.” Are we really as brave as we think we are; are we as honest, as enterprising, as free as we think we are? We’re not the envy of the world and haven’t been for a long time, and while this might not match the image we have of ourselves, it’s time to address the cognitive dissonance and look within.