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A Lesser Day

taz article

 

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache.

Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

Berliners: I’ll be reading in the series “Literally Speaking” at BuchHafen in Neukölln on January 24. Along with Chris Chinchilla, Wlada Kolosowa, Rhea Ramjohn Writer, and Isabelle Ståhl.

Come early, because Träci A. Kim’s series is usually packed! Looking forward to seeing you all. 

 

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Excerpt:

My mind snapped shut like a box. I turn, perplexed: but wasn’t something there a moment ago? Waiting, waiting, looking on as though at a mute child, hoping to pry out a word, or a smile: patience is the essence. The child stands dumbly before me, and I kneel down with a friendly mien. What was that just now, what do you have in your hand, I ask gently. The child’s eyelashes veil its downcast eyes. I saw you putting something in your pocket a moment ago, wouldn’t you like to show me what you have in your pocket? But the child stares at its toes, suspended in a glistening bubble of impunity. Say something, I blurt out, growing agitated, and the child raises a grimy fist to brush the hair out of its eyes, gazing at me in sullen apathy. I hear the sharp edge in my voice, I know this tactic will lead me nowhere, yet I’m vexed, I want to drill the child with questions: what are you hiding, what have you stolen? And hardly an answer, a feeble shrug, and I, growing desperate, give it back, give it back, feeling the hand itching to slap the face of this stupid, torpid mind: will you come to your senses, will you give me back what’s mine?

Scrima-COVER

Photo: Eliza Proctor

 

Kent Avenue. Der kahle Raum, der überwältigende Ausblick. Unter der Decke entlang laufende Rohrleitungen, Fenster über die gesamte Vorderfront; draußen die Betonfabrik und der Brooklyn Navy Yard und in der Ferne die stetige Prozession von Lichtern, die sich über die Manhattan Bridge und den Franklin D. Roosevelt-Drive hinaufbewegten. Wie ich alle Lampen im Atelier löschte und im Dunkeln saß, hinausblickte auf die Stadt, in der ich geboren war, in der meine Mutter geboren war, mein Vater geboren war – und eine Großmutter, ein Großvater, doch da endet die Spur, verliert sich in dem Moment, wo sie wieder die Küsten des alten Kontinents berührt. Wie ich Großmutters Sessel aus dem Keller schleppte, wo er seit zwanzig Jahren, fünfundzwanzig Jahren im Dunkeln gestanden hatte, ihn am Kofferraum des Autos meiner Mutter festschnürte und nach Brooklyn fuhr; doch das kam später. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus, schüttelte die Krümel des Schaumstoffs aus, der nach all den Jahren spröde geworden und in Auflösung begriffen war; der kunstvoll eingenähte Reißverschluss, dieser komische Stoff mit dem Postkutschenmotiv, wieso hat niemand von uns je nähen gelernt, irgendwann gab es für diesen Sessel mal einen kompletten, perfekt passenden Schonbezug mit einem kleinen steifen Volant am unteren Rand und Paspeln an sämtlichen Nähten. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus und schaute zu, wie die orangefarbenen Krümel des maroden Schaumstoffs von einem Luftstrom erfasst wurden, der vom Fluss heraufblies, wie sie schwebten und im Schrägflug bis ganz nach unten auf den Boden segelten; und dann entglitt mir der Bezug und fiel die acht Stockwerke hinunter auf die Straße. Und da lag er, dieser Bezug mit dem Postkutschenstoff, mitten auf der Kent Avenue, und ein Lastwagen fuhr über ihn hinweg, und dann noch einer; doch das kam später. Und daran zu denken: wie Großmutter all die Jahre in ihrem Sessel saß und häkelte, im oberen Stockwerk, im Haus auf der anderen Seite des Hafens, bevor der Stoff verschlissen war, bevor ihre Möbel hinunter in den Keller getragen wurden und oben die ersten Mieter einzogen, dort wo einst Sumpfland gewesen war, vor Jahrhunderten trockengelegt von holländischen Siedlern. Und daran zu denken: dass dieses Gebäude existiert hat, dieses Fenster die ganze Zeit existiert hat, gewartet hat, dass der Metallgriff am gusseisernen Fensterrahmen, hier, jetzt, direkt vor mir, geöffnet und geschlossen von so vielen Händen, so viele Jahre lang, auf mich gewartet hat, auf diesen Moment gewartet hat, auf Großmutters Sessel und die orangefarbenen Krümel von altem Schaumstoff, zu sehen vom Brooklyn-Queens-Expressway in der Nähe der Ausfahrt Flushing Avenue, inmitten einer Landschaft aus Lagerhäusern und Wassertürmen und Gerüsten mit riesigen Neonschildern. Und nun saß ich an diesem Fenster mit einer unbestimmten Zeitspanne vor mir, sechs Monate, ein Jahr, und dann sah ich es zum ersten Mal, das Elektrizitätswerk, in dem du gearbeitet hast, als wir klein waren, bevor du nach Kips Bay versetzt worden bist. Du, und du. Wie kommt es, dass ich es nicht vorher gesehen habe, wie kommt es, dass es beim Namen der Straße nicht geklingelt hat, Kent Avenue: der weit entfernte Ort, wo du jeden Tag hinfuhrst, von dem du jeden Tag heimkamst, der mythische Klang, den er einmal besaß, und bloß ein Wort, die Art, wie du es aussprachst; vergangene Zeiten.

 

Übersetzung: Barbara Jung

 

Events:

  • 15. März 2018, 16:00
    Leipziger Buchmesse, Forum DIE UNABHÄNGIGEN, Halle 5, Stand H309
  • 15. März 2018, 17:00
    Leipziger Buchmesse, literadio
  • 5. April 2018, 19:00
    Podiumsdiskussion und Lesungen aus der neuen Ausgabe von Manuskripte
    Lettrétage
    Berlin
    Es lesen Ruth Benrath, Georg Leß, Andrea Scrima, Gerhild Steinbuch, Andreas Unterweger, Joceline Ziegler
  • 12. April 2018, 19:00
    Book Launch und Lesung: Wie viele Tage 
    Berlin Writers’ Workshop zu Gast im Lettrétage
    Berlin
    Im Gespräch mit der Autorin Heike Geißler und der Moderatorin Rebecca Rukeyser
  • 17. April 2018, 19:00
    Literaturhaus Graz
  • 3. Mai 2018, 19:30
    Literaturhaus Berlin
    Mit Leander Steinkopf

Rezensionen:

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache.

Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

 

Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“. 

— Isabella Caldart im Novellieren, 20. Februar 2018

Wie viele Tage will be published by Literaturverlag Droschl, Graz, in February 2018.

Listen to the clip on youtube:

 

Quicktime photo

 

Ein paar Nachbarn trafen ein; einer der Männer aus dem Haus nebenan, wo zwei Stanleys und zwei Wandas wohnten und ein Polizist namens Jim, der an jedem 4. Juli zu Sonnenuntergang das opulenteste Geheimlager an Feuerwerkskörpern zum Vorschein brachte, das wir je gesehen hatten, wie ein zu groß geratenes Kind, das einen versteckten Vorrat Spielsachen hortet, und sie in die frühen Morgenstunden abschießt. Scheißkorrupt, sagtest du. Sie sind gesetzlich verpflichtet, das Zeug abzugeben, und was macht er? Typisch irischer Bulle – hat sie irgendwelchen Kids abgeknöpft. Einer der Stanleys kam auf mich zu, um mir sein Beileid auszusprechen, und ich spürte, wie mich eine Welle von Schwindel erfasste; er streckte die Hand aus, und obwohl ich zutiefst bewegt war, kam mir der Gedanke, dass ihn vielleicht bloß eine morbide Neugier motivierte. Ich zielte auf seine Wange und drückte stattdessen einen feuchten Kuss auf seinen Hals, ein Spasmus der motorischen Steuerung, die kurzfristig daneben gegangen ist; ich wich zurück und musterte diesen Mann, dessen langes strähniges Haar über den Schädel gekämmt war, um die kahle Stelle zu verdecken, der jeden Abend eingeschlafen und jeden Morgen erwacht war mit seinem unrasierten Kinn auf einem nur wenige Meter von meinem entfernten Kissen, der die gleiche Straße zur gleichen Bushaltestelle hinuntergegangen war wie ich, ohne mit einem von uns auch nur ein einziges Wort zu wechseln, einen einzigen Blick, Tag für Tag über Jahre hinweg.

 

Übersetzung: Barbara Jung

I’ll be reading from A LESSER DAY this evening at a place called ausland.

How much of our lives is contained in the places we’ve lived in? And does memory have a spatial dimension? As the narrator attempts to locate meaning in the passage of time as it inscribes itself into the myriad things around her, she discovers instances of illusion and self-deception—the flaws in human perception that reveal themselves when we examine the mechanisms of our own thinking: “The amnesia that follows, when the mind carefully buries its new discovery, only digging it up some time later when it’s certain of being alone, unobserved, turning it over and over, sniffing at it as though it were a dried-out bone.”

Together with Ben Miller and Charlotte Wührer.

Doors open at 7 p.m.

Lychenerstraße 60, 10437 Berlin

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Check out Droschl’s catalogue of German-language authors and works in translation, which range from Gerschon Schoffmann and Julien Gracq to Gwenaelle Aubry and our own beloved Lydia Davis, translated in crystalline prose by Klaus Hoffer:

http://www.droschl.com/en/