Scrima-COVER

Photo: Eliza Proctor

 

Kent Avenue. Der kahle Raum, der überwältigende Ausblick. Unter der Decke entlang laufende Rohrleitungen, Fenster über die gesamte Vorderfront; draußen die Betonfabrik und der Brooklyn Navy Yard und in der Ferne die stetige Prozession von Lichtern, die sich über die Manhattan Bridge und den Franklin D. Roosevelt-Drive hinaufbewegten. Wie ich alle Lampen im Atelier löschte und im Dunkeln saß, hinausblickte auf die Stadt, in der ich geboren war, in der meine Mutter geboren war, mein Vater geboren war – und eine Großmutter, ein Großvater, doch da endet die Spur, verliert sich in dem Moment, wo sie wieder die Küsten des alten Kontinents berührt. Wie ich Großmutters Sessel aus dem Keller schleppte, wo er seit zwanzig Jahren, fünfundzwanzig Jahren im Dunkeln gestanden hatte, ihn am Kofferraum des Autos meiner Mutter festschnürte und nach Brooklyn fuhr; doch das kam später. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus, schüttelte die Krümel des Schaumstoffs aus, der nach all den Jahren spröde geworden und in Auflösung begriffen war; der kunstvoll eingenähte Reißverschluss, dieser komische Stoff mit dem Postkutschenmotiv, wieso hat niemand von uns je nähen gelernt, irgendwann gab es für diesen Sessel mal einen kompletten, perfekt passenden Schonbezug mit einem kleinen steifen Volant am unteren Rand und Paspeln an sämtlichen Nähten. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus und schaute zu, wie die orangefarbenen Krümel des maroden Schaumstoffs von einem Luftstrom erfasst wurden, der vom Fluss heraufblies, wie sie schwebten und im Schrägflug bis ganz nach unten auf den Boden segelten; und dann entglitt mir der Bezug und fiel die acht Stockwerke hinunter auf die Straße. Und da lag er, dieser Bezug mit dem Postkutschenstoff, mitten auf der Kent Avenue, und ein Lastwagen fuhr über ihn hinweg, und dann noch einer; doch das kam später. Und daran zu denken: wie Großmutter all die Jahre in ihrem Sessel saß und häkelte, im oberen Stockwerk, im Haus auf der anderen Seite des Hafens, bevor der Stoff verschlissen war, bevor ihre Möbel hinunter in den Keller getragen wurden und oben die ersten Mieter einzogen, dort wo einst Sumpfland gewesen war, vor Jahrhunderten trockengelegt von holländischen Siedlern. Und daran zu denken: dass dieses Gebäude existiert hat, dieses Fenster die ganze Zeit existiert hat, gewartet hat, dass der Metallgriff am gusseisernen Fensterrahmen, hier, jetzt, direkt vor mir, geöffnet und geschlossen von so vielen Händen, so viele Jahre lang, auf mich gewartet hat, auf diesen Moment gewartet hat, auf Großmutters Sessel und die orangefarbenen Krümel von altem Schaumstoff, zu sehen vom Brooklyn-Queens-Expressway in der Nähe der Ausfahrt Flushing Avenue, inmitten einer Landschaft aus Lagerhäusern und Wassertürmen und Gerüsten mit riesigen Neonschildern. Und nun saß ich an diesem Fenster mit einer unbestimmten Zeitspanne vor mir, sechs Monate, ein Jahr, und dann sah ich es zum ersten Mal, das Elektrizitätswerk, in dem du gearbeitet hast, als wir klein waren, bevor du nach Kips Bay versetzt worden bist. Du, und du. Wie kommt es, dass ich es nicht vorher gesehen habe, wie kommt es, dass es beim Namen der Straße nicht geklingelt hat, Kent Avenue: der weit entfernte Ort, wo du jeden Tag hinfuhrst, von dem du jeden Tag heimkamst, der mythische Klang, den er einmal besaß, und bloß ein Wort, die Art, wie du es aussprachst; vergangene Zeiten.

 

Übersetzung: Barbara Jung

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MARGARITA MEKLINA and SNEŽANA ŽABIC

with Andrea Scrima

 

Wreckage of Reason II: Back to the Drawing Board
(Spuyten Duyvil Publishing, 2014)

Andrea Scrima invited two of her co-authors in the anthology, Margarita Meklina and Snežana Žabić, to take part in a conversation about what experimental writing means today—beyond the marginalization the label inevitably leads to, both in terms of commercial viability and literary visibility. Meklina emigrated to the US from Russia at the age of twenty-two and lives in Oakland; Žabić, who eventually settled in Chicago, was forced to flee her native Vukovar when the wars in the former Yugoslavia broke out. Scrima, who was born and raised in New York and has been living in Berlin for more than half her life, soon noticed that cultural displacement was an element each of them had in common; as she began to question the effects this may have had on their various literary projects—whether it fostered a critical distance to mainstream culture, or a skepticism regarding its definition of success—she decided to ask Meklina and Žabić to discuss their experiences. What follows is a conversation about emigration, identity, and the many unforeseen ways in which an initial loss of language can grow into a reconsideration and regaining of language. In the process, Scrima, Meklina, and Žabić explore the question Skolkin-Smith poses early in her essay on the anthology: “How do experimental literary writers continue to foster their literary legacy, to offer up profound depths, language, and soul, to grow as writers willing to risk, and to toss up, around, and about meanings and connections in ways that rise above entertainment?”

Read the entire conversation here: 

http://brooklynrail.org/2015/07/books/parataxis-and-ponzi-schemes

 

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By Leora Skolkin-Smith

Wreckage of Reason II: Back to the Drawing Board, edited by Nava Renek and Natalie Nuzzo and recently published by Spuyten Duyvil Publishing, is a collection of thirty-three experimental pieces written by women. It stands on its literary merits alone, but it also elicits questions that point far beyond its own physical presence in the publishing arena—questions primarily to do with the threatened future of experimental and literary writing itself, with the questionable health and well-being of our current literary culture and its openness or lack thereof to work that isn’t consumerist in intent. As if the standing of experimental writing in our literary culture weren’t enough of a problem, the troubling statistics testifying to the glaring inequality in attention given to women writers in comparison to their male counterparts present a serious crisis in writing, as both problems conflate to confront us with several critical questions we seem unable to table away: for instance, how does our current literary culture make room or recognize experimental writers, not as marginal guests at the buffet but as essential contributors? How do experimental literary writers continue to foster their literary legacy, to offer up profound depths, language, and soul, to grow as writers willing to risk and to toss up, around, and about meanings and connections in ways that rise above entertainment? In other words: to do this thing we still call “prose” and “story” as it evolved during the decades before it was oppressed by the omnipresent forces now censoring writing and writers?

 

Read the full review at Ready Steady Book: 

http://readysteadybook.co.uk/BookReview.aspx?isbn=9780923389956

 

Ready Steady Book

Come today to the Parataxe presentation at 8 pm
in “ausland,” Lychener Str. 60, 10437 Berlin.
Readings by MARIE-PASCALE HARDY (Canada/Berlin) and BRYGIDA HELBIG (Poland/Berlin), moderated by our very own Katy Derbyshire (UK/Berlin).
We’ll also be celebrating the release of the third issue of Berlin’s online literature magazine for writers writing outside the German language: stadtsprachen.de.

27 texts by 25 Berlin-based authors and translators in 10 languages ranging from Arabic and Mandarin to Yoruba – in the original and the majority in German translation.
It’s a unique achievement and an ambitious project, so come and enjoy!

PARATAXE – die internationalen Literaturszenen Berlins
stadtsprachen – Magazin der internationalen Literaturen Berlins
c/o Berliner Literarische Aktion e.V.
Kastanienallee 2
D – 10435 Berlin
Tel.: +49(0)30/53155963
www.stadtsprachen.de
www.berliner-literarische-aktion.de

 

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Wie viele Tage will be published by Literaturverlag Droschl, Graz, in February 2018.

Listen to the clip on youtube:

 

Quicktime photo

 

Ein paar Nachbarn trafen ein; einer der Männer aus dem Haus nebenan, wo zwei Stanleys und zwei Wandas wohnten und ein Polizist namens Jim, der an jedem 4. Juli zu Sonnenuntergang das opulenteste Geheimlager an Feuerwerkskörpern zum Vorschein brachte, das wir je gesehen hatten, wie ein zu groß geratenes Kind, das einen versteckten Vorrat Spielsachen hortet, und sie in die frühen Morgenstunden abschießt. Scheißkorrupt, sagtest du. Sie sind gesetzlich verpflichtet, das Zeug abzugeben, und was macht er? Typisch irischer Bulle – hat sie irgendwelchen Kids abgeknöpft. Einer der Stanleys kam auf mich zu, um mir sein Beileid auszusprechen, und ich spürte, wie mich eine Welle von Schwindel erfasste; er streckte die Hand aus, und obwohl ich zutiefst bewegt war, kam mir der Gedanke, dass ihn vielleicht bloß eine morbide Neugier motivierte. Ich zielte auf seine Wange und drückte stattdessen einen feuchten Kuss auf seinen Hals, ein Spasmus der motorischen Steuerung, die kurzfristig daneben gegangen ist; ich wich zurück und musterte diesen Mann, dessen langes strähniges Haar über den Schädel gekämmt war, um die kahle Stelle zu verdecken, der jeden Abend eingeschlafen und jeden Morgen erwacht war mit seinem unrasierten Kinn auf einem nur wenige Meter von meinem entfernten Kissen, der die gleiche Straße zur gleichen Bushaltestelle hinuntergegangen war wie ich, ohne mit einem von uns auch nur ein einziges Wort zu wechseln, einen einzigen Blick, Tag für Tag über Jahre hinweg.

 

Übersetzung: Barbara Jung