Scrima-COVER

Photo: Eliza Proctor

 

Read a sample from the German translation here. 

 

Coming Events:

 

25. August 2018

Internationales Literaturfest “Poetische Quellen”

Bad Oeynhausen

 

26. August 2018

38. Erlangener Poetenfest

Erlangen

 

8. September – 19. Oktober 2018

Ausstellung “Der chinesischstämmige Millionär”

Maniere Noire, Berlin

 

Berlin Art Week:

22. September um 18 Uhr:

Artist’s Talk

 

Rezensionen:

Wenn jemand zwischen zwei Kontinenten, zwei Wohnungen lebt, stellt sich die Frage nach der Flüchtigkeit der Erscheinungen womöglich dringlicher. Andrea Scrima scheint von ihr verfolgt zu sein. Immer wieder rücken die Dinge, die sie umgeben, in den Fokus. Dinge, die eingepackt, eingelagert, in Koffern transportiert werden. Dinge, die allein durch menschliche Anwesenheit mit Bedeutung aufgeladen werden. In unablässigen Anläufen hakt sich das Ich an einzelnen Situationen, Momenten fest, zoomt sie heran, um sie mit einer fast schon unheimlichen Wahrnehmungsgenauigkeit aus dem Dunkel der Vergangenheit, des Ungesagten herauszuholen und auszuleuchten. Nicht grell, sondern tastend und behutsam.

— Bettina Schulte, Badische Zeitung, 17. Mai 2018

 

Nicht wir erinnern uns an die Orte, sie erinnern sich an uns. Sie sind es, die uns nicht mehr loslassen, und manchmal können wir sie in der Gruft der Erinnerung aufsuchen. So wie Andrea Scrima in ihrem feinsinnigen Roman “Wie viele Tage”. 

Fast jeder Abschnitt des Romans “Wie viele Tage” der 1960 in New York City geborenen Andrea Scrima beginnt mit einer Adressangabe: Bedford Avenue, Kent Avenue, Ninth Street, Eisenbahnstraße, Fidicinstraße. Dort finden sich die Straßen, in denen die Künstlerin und Schriftstellerin in den Achtziger- und Neunzigerjahren gelebt hat; dort sind die Wohnungen, in denen die Erinnerungen an Zeiten, Gefühle, Zustände sich eingelagert haben. Und auch wenn die Orte und die Gesichter zu verschwinden drohen, mit jedem Jahr ein bisschen tiefer hinabsinken in die Gedächtnisgruft, so bleibt doch ein Teil des Ich dort weiterhin zurück. Wir erinnern uns nicht einfach nur an Orte. Wir scheinen uns, so ein magischer Gedanke, in Orte einzuschreiben. Sie sind es, die uns nicht mehr loslassen.

— Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung, 3. Mai 2018

 

Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

— Marina Büttner, Literaturleuchtet, 20. Juni 2018

 

Linearität im Erzählen wird zugunsten einer durchlässigen, assoziativen Komposition aufgegeben, die Ebenen verwischt durch das mantraartige “doch das kam später”. Zeitgeschichte wirkt als Raunen im Hintergrund. Die Rekonstruktion des bewegenden Jahrzehnts, in dem das Vagantenleben der Erzählerin stattfindet, erfolgt über Zeitungsschnipsel, die sie sich quasi künstlerisch einverleibt. Was bleibt ist die Frage nach der eigenen Identität in dem Raum-Zeit-Gefüge: Wie sehr ist die Künstlerin heute die, die sie in den Farbschichten ihrer Bilder, ihren Texten und den Schichten ihrer Vergangenheit findet? Andrea Scrima kann in ihrem autobiografisch gefärbten Debüt wunderbar davon erzählen. 

— Senta Wagner, Buchkultur 177, April 2018

 

Andrea Scrima ist eine Meisterin des Sehens, vermag mit ihrer feinen Wahrnehmung Oberflächen aufzubrechen, dahinter liegende Schichten freizulegen. (. . .) Sie schreibt, wie sie arbeitet, wie sich das Sehen in ihrer Kunst manifestiert. Wie sie ihre Umgebung, ihre Welt zu erfassen versucht, wie sie sich mit ihr vertraut macht. Wie wenig sie dabei von sich selbst gefangen ist!

— Gallus Frei-Tomic, literaturblatt.ch, 10. April 2018

 

Respect ist das erste Gefühl, dass sich bei der Lektüre einstellt: man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. (. . .) Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie.  Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes Du wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns.

— Claudia Fuchs, SWR2, 03. April 2018

 

Feinsinnige, unglaublich intensive Momentaufnahmen einer Frau über das Verstreichen der Zeit, ihre Einsamkeit, Verlust und Verlassenheit und die Fähigkeit loszulassen.

— Klaus Bittner, Buchtipps Frühjahr 2018

 

Ihre transatlantischen Erinnerungen an das New Yorker Zuhause und die Wahlheimat Berlin in den 1980er und 90er Jahren verknüpft Scrima zu einem geheimnisvollen, schwebend leicht erzählten Gedankengeflecht. Scrima sinniert voll lyrischem Schwung über die Vergänglichkeit von allem, was uns wichtig war, und das allmähliche Schwinden unserer eigenen Tage.

— René Freudenthal, Carl-Schurz-Haus, April 2018

 

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache. Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

 

Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“. 

— Isabella Caldart im Novellieren, 20. Februar 2018

 

Es geht sprunghaft zu in diesem Buch, das sich auf kleine Segmente einer Biographie konzentriert, die dafür detailgenau festgehalten werden. Chronologie wird aufgehoben, Linearität so im Vorfeld unmöglich gemacht. (…) Das eigene Ich wird umkreist wie ein Fremdkörper, ein rätselhaftes Ding, das sich nicht recht erschließen lässt. „Ein Blick, mehr nicht, und eine stille Lawine gerät in Bewegung, eine stumme Katastrophe.“ So könnte eine Poetik beginnen, die davon ausgeht, wie aus etwas scheinbar Harmlosem etwas Bedrohliches entsteht.

– Anton Thuswaldner, Die Furche, Sonderbeilage „Booklet“, April 2018

 

 

 

I had the pleasure of talking again to Brainard Carey of the Praxis Center for Aesthetic Studies—you can hear the full interview here at Yale Radio. We talk about writing and art, my book A Lesser Day, memory, place, becoming an artist in post-gentrification New York and Berlin, the critical distance of a foreigner, Joseph Beuys and his performance I Like America and America Likes Me, Sophie Calle’s The Detachment, an essay I wrote for The Millions, and more — and I read from two sections of A Lesser Day.

 

How to go back in time; one would have to subtract everything that has come after, shed the skins that have accumulated since: peel them off one by one and forget them. To undo all that has occurred, to have found oneself in none of these situations, to lose entire parts of oneself; to forget. To disappear, to undo oneself. And when my mind carries me back, it is as another.

 

Yale Radio

 

 

Das Ich, umkreist wie ein Fremdkörper

Segmente einer Biographie: Andrea Scrima erzählt ein Leben, gebaut aus Erinnerung und Fantasie.

Anton Thuswaldner in Die Furche, Sonderbeilage „Booklet“, April 2018

 

 

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Es geht sprunghaft zu in diesem Buch, das sich auf kleine Segmente einer Biografie konzentriert, die dafür detailgenau festgehalten werden. Chronologie wird aufgehoben, Linearität wird so im Vorfeld unmöglich gemacht. Eine Synchronizität der Ereignisse stellt sich ein, was deren Enthierarchisierung entspricht.  (…) Die Szenen, angesiedelt an konkreten Adressen, die dem Buch Bodenhaftung verschaffen, werden flankiert von kürzeren Passagen reflexiver Gestalt, in denen ein Ich Selbstüberprüfung anstrebt, intensiv Auskunft über eigenes Denken und Fühlen erteilt. Das eigene Ich wird umkreist wie ein Fremdkörper, ein rätselhaftes Ding, das sich nicht recht erschließen lässt. „Ein Blick, mehr nicht, und eine stille Lawine gerät in Bewegung, eine stumme Katastrophe.“ So könnte eine Poetik beginnen, die davon ausgeht, wie aus etwas scheinbar Harmlosem etwas Bedrohliches entsteht. Das Bedrohliche im konkreten Fall rührt daher, dass der Blick auf äußere Anzeichen angewiesen ist, aus denen er ein Ganzes formt. Das Problem – Lob der Fantasie hin, Kritik der Fantasie her – besteht darin, dass sich ein Individuum aus diesen Kürzeln einer Beobachtung nicht definitiv benennen lässt. Wahrheit ist eben nicht so leicht aus der reinen Anschauung zu haben. Gestehen wir es jedem zu, für den anderen Fragment bleiben zu dürfen. Das ist ohnehin schon sehr viel.

 

The book, which consists of short biographical segments described in great detail, skips from scene to scene. Chronology is suspended from the start, all linear continuity rendered impossible. A synchronicity of events crystallizes just as any hierarchy that might arise between them is dissolved; temporal planes merge to create a parallelism of concurrence. (…) The scenes in A Lesser Day take place at concrete addresses that anchor the book in time and place; they are flanked by shorter passages of a more reflective nature in which a self subjects itself to scrutiny, takes immediate stock of its thoughts and feelings, circles around itself like a foreign body, a mysterious thing that doesn’t quite lend itself to comprehension. “A look, nothing more, and a quiet avalanche is set into motion, a wordless disaster.” This could form the departure point of a poetics that explores how something seemingly harmless can transform into something perilous. In concrete terms, the threat derives from the fact that our understanding of things is contingent on external impressions out of which we fashion a larger whole. The problem with this, regardless of however we might praise or criticize fantasy, is that an individual can’t be reconstructed definitively from abbreviated perceptions—it’s not that easy to distill truth from observation. Better to allow ourselves to remain fragmentary to one other—that alone would be considerable.

Versuchen Sie es: Versuchen Sie einmal, über das Lesen zu sprechen, ohne thematisch dahin abzuschweifen, wie das Internet die Art unserer Informationsaufnahme verändert hat. Ich – und auch die Mehrheit der Menschen, die ich kenne, deren Lesegewohnheiten schon lange vor dem Aufkommen von digitalen Zeitschriften und Zeitungen, Google Books, Blogs, RSS-Feeds, Social Media und Kindle geprägt wurden – habe meist das Gefühl, dass ich nur dann wirklich lese, wenn ich ein Druckwerk vor mir habe, unter einer Leselampe, wenn Bildschirm und Telefon ausgeschaltet sind. Aber in Wirklichkeit lese ich sehr viel online.

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Try it: try talking about the subject of reading without drifting off into how the Internet has changed the way we absorb information. I, along with the majority of people I know whose reading habits were formed long before the advent of digital magazines and newspapers, Google Books, blogs, RSS feeds, social media, and Kindle, usually feel I’m only really reading when it’s printed matter, under a reading lamp, with the screen and phone turned off. But the reality is that I do a vast amount of reading online.

 

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Spreading the word on the inimitable Lydia Davis in the German-speaking world. 

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Die Geschichten des Erzählbandes Almost No Memory, erstmals 1997 veröffentlicht und 2008 in deutscher Übersetzung (Fast keine Erinnerung) im Literaturverlag Droschl erschienen, können als psychologisches Porträt einer Frau mittleren Alters gelesen werden, die sich mit all den üblichen Dingen auseinandersetzt, die das Leben ab einem gewissen Alter zu bieten hat: die Verwerfungen häuslicher Zwietracht, schrumpfende Horizonte, die ernüchternde Erkenntnis, dass uns nur noch sehr wenig ändern kann. Der Stimmen gibt es viele und eine, die in einer Polyphonie von vorausahnender Angst und Resignation zusammenlaufen. Wir hören „Ehefrau Eins, eine oft rabiate, zurzeit aber ruhige Frau“, die alleine zu Abend isst, nachdem sie mit „Ehefrau Zwei“ telefoniert hat; eine Professorin, die davon träumt, einen Cowboy zu heiraten, obwohl sie „so sehr an die Gesellschaft [ihres] Mannes gewöhnt [ist], dass [sie] ihn, sollte [sie] tatsächlich einen Cowboy heiraten, würde mitnehmen wollen“; und eine Frau, die sich „in einen Mann [verliebte], der schon seit einigen Jahren tot war“. Dann gibt es eine Frau, die „aus dem Haus [läuft], das Gesicht weiß, der Mantel wild flatternd, … ‚Rettung! Rettung!‘ rufend“; eine andere, die sich wünscht, eine zweite Chance zu haben, aus ihren Fehlern zu lernen; und eine, die „keine andere Wahl [hat], als weiterzumachen, so als wüsste [sie] im Großen und Ganzen, was [sie ist], auch wenn [sie sich] manchmal vielleicht vorzustellen versuch[t], was es denn nun ist, was die anderen wissen, wovon [sie] nicht weiß“. Die Liste setzt sich fort: Wir erfahren von einer Frau, die sich fragt, warum sie ihren Kindern gegenüber so bösartig werden kann; von einer anderen, die beim Anblick von „allem Pulsierenden, allem Stoßenden; allem kerzengerade in die Höhe Ragenden, allem Waagrechten und Auseinanderklaffenden“ an Sex denkt; und wieder einer, die „voll bösen Willens gegenüber jemandem [ist], den [sie . . .] lieben sollte, und voll bösen Willens gegen [sich] selbst, und ganz entmutigt, was die Arbeit angeht, die [sie] erledigen sollte“.
Read the rest here. 
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Manuskripte 220

Radio interview with Joachim Scholl at Deutschlandfunk Kultur

(in German language)

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Scholl: Sie haben, wie ich finde, eine ganz intensive Sprache gefunden. Ich lese mal einen Satz vor, es ist mein Lieblingssatz. Da erklärt die Erzählerin, dass ihr Hund davongelaufen ist. Sie sucht ihn, findet ihn nicht, kommt dann mit einem anderen, der ihr zuläuft, wieder nach Hause. Und dann heißt es, Zitat: “Und so waren wir heimgekehrt mit einem Hund, einem nassen, hungrigen kleinen Hund, der mit einem tiefen, erschöpften Seufzer in meinen Armen zusammenbrach, als ich sein klatschnasses Fell mit dem Handtuch trocknete.” Ich weiß jetzt nicht, ob es daran liegt, dass ich mit jedem Jahr sentimentaler werde, aber ich habe so entzückt und tief geseufzt, als ich diesen Satz sah, diesen wunderschönen Satz. Ich habe mich gefragt, wie haben Sie diese Sprache gefunden?

Scrima: Das kann ich nicht beantworten. Man schreibt nicht mit einer Schreibstrategie im Hinterkopf. Ich glaube, es geht vielmehr darum, dass man versucht, den Zugang zu sich selbst möglichst intensiv zu ermöglichen. Und ich kann das selbst nicht unbedingt sagen, wie ich das gemacht habe. Das ist für jeden anders. Für jedes Buch ist es anders. Ich arbeite noch an einem Roman, der mir das Leben sehr schwer macht.

Scholl: Sprachlich kann ich mir das nicht vorstellen bei Ihnen, Frau Scrima. Vorhin sagten Sie kurz, dass Sie das Buch geschrieben haben, als Sie Ihr Baby gerade hatten. An einer Stelle, glaube ich, zieht das Baby unterm Tisch den Stecker aus dem Computer, und dann schreibt sie “Alles ist verloren”. Da dachte ich, ist das hoffentlich erfunden, oder war das so?

Scrima: Das ist sozusagen die Metapher für die Mutterschaft in den ersten paar Jahren. Wie das Kind einem immer einen Strich durch die Rechnung macht. Das ist in erster Linie auch als Metapher zu verstehen.