Essay in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. 

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“Das amerikanische Narrativ ist ein Narrativ der Infantilisierung, ein Märchen für Kinder, in dem Liebe, Sex, Familie – eigentlich alles menschliche Streben – verkitscht, jeder Nuance und Mehrdeutigkeit und aller zum Leben gehörenden Widersprüche beraubt wird. Wir müssen alles ausbuchstabiert haben; wir sind eine Kultur mit kindlichen Vorstellungen, sogar von der Kindheit. Das amerikanische Denken scheint auf ein einziges übergeordnetes Narrativ geeicht. Es braucht einen good guy und einen bad guy; es braucht einen Traum und etwas, das diesem Traum im Wege steht. Es braucht unglückliche Umstände, die den Helden zu überwältigen drohen, so dass er sich ein Herz fassen, der Herausforderung stellen und siegen kann. Man beobachtet dies in Filmen, in der Politik, im Journalismus, in Lehrplänen, auf dem Baseballplatz, in TED-Talks, bei Preisverleihungen, Gerichtsverhandlungen und NGOs, in Cartoons und in der Art, wie wir über Krankheit und den Tod reden, überall dort, wo wir die kreierten Narrative von der eigenen Geschichte, unsere kollektiven Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von uns selbst und dem, was wir sein wollen, inszenieren. Doch diesem Narrativ zu widersprechen, auch nur einen einzigen Aspekt dieser Loyalität in Frage zu stellen bedeutet, den eigenen Stamm zu verraten.

Ich versuche um alles in der Welt zu verstehen, wie die Fiktion darüber, wie dieses Land entstanden ist, sich in eine so bewusstseinsverändernde Kraft verwandelt hat, dass man nur von Massenhypnose oder einer Form kollektiver Psychose sprechen kann, in der die USA sich rätselhafterweise noch immer als ‘die größte Nation auf Erden’ sehen; in der jeder Hinterfragung dessen, was Amerika amerikanisch macht, nicht mit der Bereitschaft zu unparteiischer Analyse oder zur Überprüfung der eigenen Positionen, sondern mit ungehaltener, oft feindseliger Ablehnung begegnet wird. ‘Wir haben’, beobachtete Baldwin, ‘einen sehr merkwürdigen Realitätssinn – oder vielmehr (…) einen auffälligen Hang zur Irrealität.’ Sind wir wirklich so tapfer, wie wir zu sein glauben; sind wir so aufrichtig, so tatkräftig, so frei, wie wir zu sein glauben? Wir werden nicht mehr von aller Welt beneidet, schon seit langem nicht mehr, und auch wenn das vielleicht nicht zu dem Bild passt, das wir von uns haben, so ist es doch an der Zeit, uns mit der kognitiven Dissonanz zu befassen und nach innen zu schauen.”

I had the pleasure of talking again to Brainard Carey of the Praxis Center for Aesthetic Studies—you can hear the full interview here at Yale Radio. We talk about writing and art, my book A Lesser Day, memory, place, becoming an artist in post-gentrification New York and Berlin, the critical distance of a foreigner, Joseph Beuys and his performance I Like America and America Likes Me, Sophie Calle’s The Detachment, an essay I wrote for The Millions, and more — and I read from two sections of A Lesser Day.

 

How to go back in time; one would have to subtract everything that has come after, shed the skins that have accumulated since: peel them off one by one and forget them. To undo all that has occurred, to have found oneself in none of these situations, to lose entire parts of oneself; to forget. To disappear, to undo oneself. And when my mind carries me back, it is as another.

 

Yale Radio

 

 

Das Ich, umkreist wie ein Fremdkörper

Segmente einer Biographie: Andrea Scrima erzählt ein Leben, gebaut aus Erinnerung und Fantasie.

Anton Thuswaldner in Die Furche, Sonderbeilage „Booklet“, April 2018

 

 

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Es geht sprunghaft zu in diesem Buch, das sich auf kleine Segmente einer Biografie konzentriert, die dafür detailgenau festgehalten werden. Chronologie wird aufgehoben, Linearität wird so im Vorfeld unmöglich gemacht. Eine Synchronizität der Ereignisse stellt sich ein, was deren Enthierarchisierung entspricht.  (…) Die Szenen, angesiedelt an konkreten Adressen, die dem Buch Bodenhaftung verschaffen, werden flankiert von kürzeren Passagen reflexiver Gestalt, in denen ein Ich Selbstüberprüfung anstrebt, intensiv Auskunft über eigenes Denken und Fühlen erteilt. Das eigene Ich wird umkreist wie ein Fremdkörper, ein rätselhaftes Ding, das sich nicht recht erschließen lässt. „Ein Blick, mehr nicht, und eine stille Lawine gerät in Bewegung, eine stumme Katastrophe.“ So könnte eine Poetik beginnen, die davon ausgeht, wie aus etwas scheinbar Harmlosem etwas Bedrohliches entsteht. Das Bedrohliche im konkreten Fall rührt daher, dass der Blick auf äußere Anzeichen angewiesen ist, aus denen er ein Ganzes formt. Das Problem – Lob der Fantasie hin, Kritik der Fantasie her – besteht darin, dass sich ein Individuum aus diesen Kürzeln einer Beobachtung nicht definitiv benennen lässt. Wahrheit ist eben nicht so leicht aus der reinen Anschauung zu haben. Gestehen wir es jedem zu, für den anderen Fragment bleiben zu dürfen. Das ist ohnehin schon sehr viel.

 

The book, which consists of short biographical segments described in great detail, skips from scene to scene. Chronology is suspended from the start, all linear continuity rendered impossible. A synchronicity of events crystallizes just as any hierarchy that might arise between them is dissolved; temporal planes merge to create a parallelism of concurrence. (…) The scenes in A Lesser Day take place at concrete addresses that anchor the book in time and place; they are flanked by shorter passages of a more reflective nature in which a self subjects itself to scrutiny, takes immediate stock of its thoughts and feelings, circles around itself like a foreign body, a mysterious thing that doesn’t quite lend itself to comprehension. “A look, nothing more, and a quiet avalanche is set into motion, a wordless disaster.” This could form the departure point of a poetics that explores how something seemingly harmless can transform into something perilous. In concrete terms, the threat derives from the fact that our understanding of things is contingent on external impressions out of which we fashion a larger whole. The problem with this, regardless of however we might praise or criticize fantasy, is that an individual can’t be reconstructed definitively from abbreviated perceptions—it’s not that easy to distill truth from observation. Better to allow ourselves to remain fragmentary to one other—that alone would be considerable.