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Radio interview with Joachim Scholl at Deutschlandfunk Kultur

(in German language)

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Scholl: Sie haben, wie ich finde, eine ganz intensive Sprache gefunden. Ich lese mal einen Satz vor, es ist mein Lieblingssatz. Da erklärt die Erzählerin, dass ihr Hund davongelaufen ist. Sie sucht ihn, findet ihn nicht, kommt dann mit einem anderen, der ihr zuläuft, wieder nach Hause. Und dann heißt es, Zitat: “Und so waren wir heimgekehrt mit einem Hund, einem nassen, hungrigen kleinen Hund, der mit einem tiefen, erschöpften Seufzer in meinen Armen zusammenbrach, als ich sein klatschnasses Fell mit dem Handtuch trocknete.” Ich weiß jetzt nicht, ob es daran liegt, dass ich mit jedem Jahr sentimentaler werde, aber ich habe so entzückt und tief geseufzt, als ich diesen Satz sah, diesen wunderschönen Satz. Ich habe mich gefragt, wie haben Sie diese Sprache gefunden?

Scrima: Das kann ich nicht beantworten. Man schreibt nicht mit einer Schreibstrategie im Hinterkopf. Ich glaube, es geht vielmehr darum, dass man versucht, den Zugang zu sich selbst möglichst intensiv zu ermöglichen. Und ich kann das selbst nicht unbedingt sagen, wie ich das gemacht habe. Das ist für jeden anders. Für jedes Buch ist es anders. Ich arbeite noch an einem Roman, der mir das Leben sehr schwer macht.

Scholl: Sprachlich kann ich mir das nicht vorstellen bei Ihnen, Frau Scrima. Vorhin sagten Sie kurz, dass Sie das Buch geschrieben haben, als Sie Ihr Baby gerade hatten. An einer Stelle, glaube ich, zieht das Baby unterm Tisch den Stecker aus dem Computer, und dann schreibt sie “Alles ist verloren”. Da dachte ich, ist das hoffentlich erfunden, oder war das so?

Scrima: Das ist sozusagen die Metapher für die Mutterschaft in den ersten paar Jahren. Wie das Kind einem immer einen Strich durch die Rechnung macht. Das ist in erster Linie auch als Metapher zu verstehen.

“A linear narrative is sacrificed in favor of a porous, associative composition that blurs dimensions through its mantra-like ‘but that came later.’ History becomes palpable as a background murmur. The reconstruction of the turbulent decade in which the narrator’s vagabond life takes place is achieved through newspaper clippings, which she appropriates artistically. What remains is an inquiry into the time-space continuum: to what degree is the artist today the person she encounters in the layers of her painting surfaces, her texts, the layers of her past? These are things Andrea Scrima writes about wonderfully in her autobiographically colored debut.”

— Senta Wagner, Buchkultur 177  2/2018

 

 

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March 15, 2018

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The wonderful Daniela Fürst interviews Andrea Scrima on her book “Wie viele Tage,” Literaturverlag Droschl. Live at the Leipzig Book Fair.

Listen here at Literadio

Literario Leipzig

 

Bedford Avenue; ich stand vor dem U-Bahn-Plan, sprach die Namen aus und spürte den Nachgeschmack, den sie auf meiner Zunge hinterließen. Wie weit entfernt sie schienen, wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit; wie unwahrscheinlich, dass ich mit diesem Plan in der Tasche hinausgehen und tatsächlich in einen Zug steigen könnte. Und dann überwand ich schließlich meine Lethargie, ging die Bedford Avenue hinunter und stieg die Treppe zur U-Bahn hinab, während mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinunterrann; wie ich ohne einen klaren Plan im Kopf in einen klimatisierten Zug stieg, mich oben an der Haltestange festhielt und die Gänsehaut betrachtete, die sich auf meinem nackten Arm bildete, als der Schweiß auf meiner Haut kalt wurde. Ich stieg mehrmals um, zuerst am Union Square, dann an der Grand Central, betrachtete beim Einfahren des Zuges in jeden Bahnhof flüchtig die wartende Menge, meine Augen huschten von einem Gesicht zum anderen, suchten nach jemandem, den ich vielleicht kannte, irgendjemandem, unvorstellbar, in einer Stadt aufgewachsen zu sein und niemanden wiederzuerkennen, absolut niemanden. Meine Augen glitten vom Fenster des U-Bahn-Abteils und dem Strom der draußen vorbeihastenden Menschen nach oben, zu den Streifen Plakatwerbung, Hotlines für misshandelte Frauen, misshandelte Kinder, Zentren für kosmetische Chirurgie, Zahnchirurgie, mit einem Bild von Dr. Soundso und seiner Unterschrift darunter, gekrönt von einem irgendwie medizinisch aussehenden Schnörkel. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass ich mich auf dem Weg zur Bronx befand, und beschloss, an der 149th Street auszusteigen und nachzuschauen, ob das alte Gebäude noch dort stand, wann war ich zum letzten Mal hingefahren, ich muss noch ein Kind gewesen sein. Ich ging die Brook Avenue hinunter, ohne ein einziges Gebäude wiederzuerkennen, einen einzigen Baum, bog an der 148th Street ab und ging in Richtung St. Ann’s, begann die geraden Nummern auf der Südseite der Straße abzuzählen, hin zur Nr. 516, dem Haus, das meine Urgroßeltern nach ihrer Ankunft in diesem Land gekauft hatten, dem Haus, in dem meine Mutter aufwuchs, meine Großmutter aufwuchs, zwei lange Reihen fünfgeschossiger Gebäude zu beiden Seiten der Straße, mit zwei ausschließlich aus Durchgangszimmern bestehenden Wohnungen auf jedem Stockwerk und Frauen in langen Röcken und Schürzen, die Abend für Abend den Bürgersteig fegten. Hier war Nr. 514, ein etwas zurückgesetzt stehendes, zweigeschossiges Haus; ein Dreirad lag auf einem kleinen betonierten Vorplatz, aus dessen Rissen Unkraut hervorspross. Ich ging weiter zum nächsten Haus und sah die ins Holz über der Tür genagelten Ziffern 518, und dann blieb ich stehen und ging noch einmal zurück; ich muss daran vorbeigegangen sein, dachte ich, doch es gab keine Nr. 516, nur ein Gebäude mit der Nummer 514 und ein anderes mit der Nummer 518, beide aus einem vergleichsweise jüngeren Baujahr, doch keine 516, und ich stand da, starrte Nr. 514 an, dann Nr. 518, und begriff, dass das Haus bereits vor langer Zeit abgerissen worden sein musste, nachdem sich das Viertel in einen Slum verwandelt hatte. Und später, nachdem im Zuge einer Stadtteilsanierung die Grundstücke neu gezeichnet und andere Häuser errichtet worden waren, war die Nummer 516 einfach aus der Reihe der Adressen in der East 148th Street komplett verschwunden, und ich stand da, wo die Eingangstür zum Haus gewesen sein musste, und stellte mir vor, wie meine Mutter als Kind auf der Vortreppe gesessen hatte, meine Großmutter, ein Kind, hier, genau an diesem Fleck, wo das Haus einst gestanden hatte, jetzt nur mehr manifestiert durch eine Lücke in einer numerischen Folge. Ich stand eine ganze Weile da, betrachtete die Häuser und die Größe der Grundstücke, außerstande zu erklären, wie eine Adresse verschwunden sein konnte, die neueren Häuser waren nicht größer, nicht breiter als die älteren es gewesen waren, sie hätten nicht so viel zusätzlichen Platz in Anspruch genommen, um ein ganzes Grundstück einfach verschwinden zu lassen, dachte ich und ging die Straße hinunter und bog an der Ecke ab, an der meine Mutter ihre ganze Kindheit hindurch jeden Tag abgebogen war auf dem Weg zur Grundschule gegenüber dem Park, wo die wilden Jungs auf Pappkartons die großen Granitsteine hinunterrutschten und hohe Bäume aus den Spalten dazwischen wuchsen, jetzt zugemüllt mit alten Zeitungen und zerdrückten Bierdosen und im Unterholz verstreuten kleinen Haufen gebrauchter Spritzen.

Literadio 2

Literadio 3

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In the booth of Literaturverlag Drochl, Leipziger Buchmesse, March 15, 2018

 

 

“Teaching writing is a virtual impossibility. Faced with the prospect of mentoring students intent on becoming writers themselves, Goetz arrives at the conclusion that the university is not there to promote, but to hinder the results of independent thought, to discourage and intimidate them. He goes so far as to say that the aim of the professorship he is in the process of accepting is to prevent texts from being written in the first place: ‘In certain cases one could even, perhaps, find reasons for this. But even these reasons are essentially uninteresting. What is interesting is that most texts are bullshit. First and foremost, of course, those that arise in front of one’s own eyes, one’s own texts: nearly always bullshit. Bad, weak, useless. Why? I don’t know.’”

Read the full essay and excerpts from Goetz’s lecture in The Brooklyn Rail. 

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Hear the full interview on Yale Radio:

http://museumofnonvisibleart.com/interviews/andrea-scrima/

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Making art was a form of archaeology, of excavating the inscrutable. It revealed itself through fragments, through their reconstruction. Why this dot, this smear—why did they resonate in such an unmistakable way? It was essential to recognize these events, to understand the patterns of their repetition and to narrow them down to a visual vocabulary. These were the elements at our disposal, there were never more than a handful of them, and they remained irreducible. Process was everything: there had to be a truthfulness to it, a conjunction between the act and the impulse that had propelled it, an economy in which every mark stood for something—not as a means to an end, but at the very moment it was being made. It required a suspension of conscious will; it was about locating one’s inner sensorium and learning to pay attention to it, to trust it. It was the point of convergence between the self and the world: the place where, if only for an instant, a universal language might be revealed. I stepped back to view the large canvas. Subtle shadows were visible across the white expanse now, caused by the topography of the scraped surface beneath it. Swirls of pigment had come to rest in the turpentine on the floor, and as I bent down to spread a few sheets of newspaper over the turbid puddle, my reflection bent down with me and reached its fingertips up toward my outstretched hand. 

— from the novel-in-progress Like Lips, Like Skins

Adapted from a talk given on April 28, 2017 at the New School, New York City, as part of The Body Artist: A Conference on Don DeLillo.

“Live outside your native culture long enough, and you begin to see it as a sort of double exposure in which your sense of family and identity and belonging is overlaid with a strange, shape-shifting disturbance pattern in which everything seems normal until it suddenly doesn’t, and you begin to see the country from a foreigner’s point of view. For as long as I can remember, America has enjoyed its superpower status, exporting the products of its creative industries around the globe, often through aggressive means, and showing little sustained interest in the cultures of other countries. Lawrence Venuti, the translation theorist, has spoken of ‘a trade imbalance with serious cultural ramifications’ resulting in ‘a complacency in Anglo-American relations with cultural others, a complacency that can be described—without too much exaggeration—as imperialistic abroad and xenophobic at home.’ Only a tiny percentage of all publications in the United States are works in translation, meaning that we have comparatively meager resources to examine our society and culture in comparison to other societies and cultures, and that this impedes our ability to reflect objectively on ourselves.”

Read the article in Quarterly Conversation here.

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Featured on Three Quarks Daily

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Excerpt from my essay, (Re)Reading Don DeLillo in Dark Times:

“Are we more similar to animals than we care to admit, caught in vast murmurations and blind herds that obey some ancient code humming in our DNA? Or have we merely gotten used to believing our own stories? I mean not only to celebrate the work of one of our most influential, prescient, brooding, analytical minds but to comb it for clues, metaphors, a vocabulary and a language that can somehow explain us to ourselves. What can literary fiction achieve in a culture that has itself surrendered to fiction? That is more comfortable with make-believe than with doing the tedious work of trying to figure out why things are the way they are? Americans are addicted to fun—it’s what makes the U.S. so charismatic, and so good at popular culture, and enviable in so many ways, but it’s at the heart of a breakdown in discourse and a disassociation from reality that has us, literally, making things up as we go along. Americans want to be fired up, engaged emotionally—they want to get teary-eyed, earnestly confess, make solemn avowals. Does our literature help us to dig deeper, does it peel away the lies we tell ourselves, or does it perpetuate the problem through a self-celebration and nostalgia that reinforce the myths we’ve created about ourselves?”

Watch the full panel here:

 

The conference title, “The Body Artist,” refers not specifically to DeLillo’s 2001 novel, but to DeLillo himself, an artist who has spent a career dramatizing personal encounters with impersonal systems, the human body facing the inhuman machine. The event will feature panels and presentations predominantly by literary artists, fiction writers thinking about this fiction writer’s work—what it is, what it has meant, and what it means now.

Panelists:
— Scott Cheshire, “Don DeLillo’s Gods: A Taxonomy”
— Tyler Malone, “‘You Have Not Convinced Me’: David Markson, Don DeLillo, and the Narcissism of Minor Difference”
— Fred Gardaphe, “Masquerade Americana: Don DeLillo’s ‘Italianitá’ in a Minor Key”
— Andrea Scrima: “(Re)reading Don DeLillo in Dark Times”

The conference will consider not only DeLillo’s themes—paranoia, global terrorism, underground conspiracies, consumerism, digital technology, media, gender, and race—but also his craft, humor, language, style, spirituality and Catholicism, Italian-American identity, and his representations of New York, the city in which the conference will take place.

The New School | http://newschool.edu

Location: The Auditorium, Alvin Johnson/J.M. Kaplan Hall
66 West 12th Street, New York, NY 10011
Saturday, April 29, 2017 at 9:00 am to 4:30 pm