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“Respekt ist das erste Gefühl, dass sich bei der Lektüre einstellt: man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. (. . .) Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie.  Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes Du wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns.”

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Ein Leben im Pendelflug zwischen New York und Berlin. Heute hier, morgen dort, zerrissen zwischen zwei Welten und beheimatet immer nur auf Zeit. Die Amerikanerin Andrea Scrima erzählt in ihrem ersten Buch “Wie viele Tage” aus dem Leben einer Künstlerin in den 1980er und 90er Jahren. Sie gehe zwar von persönlichen Erinnerungen aus, lasse sich dann aber zu weiteren Fantasien anregen, sagte Andrea Scrima im Interview. Die Struktur des Buches orientiere sich vor allem an Marie Luise Kaschnitz’ Aufzeichnungen “Orte”.

Kaschnitz ordnete ihre eigenen Lebenserinnerungen in Form von Selbstbefragungen und Momentaufnahmen nach den Wohnorten ihres Lebens. Nach diesem Prinzip blickt auch Andrea Scrimas Protagonistin zurück auf ihre ersten vierzig Lebensjahre. In Berlin erlebt sie den Fall der Mauer und in New York verändert der Terroranschlag auf das World Trade Center die Skyline ihrer Heimatstadt.

Scrima collagiert Rückblicke mit Skizzen von Wohnorten, die wie Polaroidfotos kurz aufblitzen. Vom Elternhaus auf Staten Island über den Umzug ins New Yorker East Village und in das geteilte Berlin bis zu Zwischenstationen in Brooklyn folgt die Autorin den Ortswechseln einer jungen Amerikanerin in prekären Lebensverhältnissen. Respekt ist das erste Gefühl, das sich bei der Lektüre einstellt. Man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. Die Wohnungen und Fabriketagen, in denen die Protagonistin lebt und arbeitet, sind billig, zugig und kalt. Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie. Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes “Du” wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns. Sie lässt sich Zeit für Beobachtungen und die Gefühle, die sie auslösen. Schichtweise legt sie in alten Notizen die verlorenen Lebensträume ihres verstorbenen Vaters frei. “Und dann der Moment des Erkennens, dessen betäubende Wirkung”, erinnert sich die Protagonistin an erhellende und beängstigende Augenblicke. Sie will Erkenntnis schöpfen über den Sinn unserer Existenz und den Umgang mit Vergänglichkeit und Verlusten. Die assoziativen Notizen folgen keiner Chronologie, es gibt weder Handlung noch Dialoge in diesem Buch. Die Erzählerin misst die Zeit am Trockenprozess von gepressten Teebällchen, die sie auf dem Fensterbrett zu Kunstobjekten arrangiert, sie vertieft sich in das Muster der Abnutzung auf dem Küchenfußboden: “Wie zuerst das Weiße des Vorstrichs unter dem Lack sichtbar wurde”, schreibt sie, “wie dann die nackte Platte durchschien, jedes Jahr ein bisschen mehr.”

Die unerfüllte Sehnsucht nach Beständigkeit inmitten von Umzügen und Kurzzeitjobs ist bedrückend und bringt doch Kontinuität in den Roman. Forschend blickt die Protagonistin auf ihr jüngeres Selbst, fragt sich, was sie damals noch nicht wissen konnte, verweist auf zukünftiges Wissen, ohne dies aber zu enthüllen. “Dicke Schwaden Vergangenheit” hängen schwer in der Luft, kriechen im Empfinden der späten Mutter, die sich allmählich zur Textkünstlerin wandelt, aus allen Ecken des Zimmers, wo sie den Nachlass ihres Vaters ordnet. Der Überseekoffer ihrer Urgroßmutter, die einst von Deutschland in die USA emigrierte – “wohin führt mich all das?”, fragt sich die Erzählerin. Es führt sie und den Leser zu unvergleichlich intensiven Momentaufnahmen und der Gewissheit, dass jeder Tag, jede Minute es wert ist, festgehalten zu werden — in Bildern und in Worten. So wie der Augenblick, als die Strahlen der Spätnachmittagssonne auf Hunderten von Taubenflügeln flackern und sie in ein leuchtendes Orange tauchen. Andrea Scrima malt mit Worten und entreißt den Moment der Vergänglichkeit durch ihre Alltagspoesie. Das alles braucht Zeit, viel Zeit, um zu reifen. Es ist das Glück des Lesers, dass Andrea Scrima sich diese Zeit genommen hat.

— Claudia Fuchs

March 15, 2018

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The wonderful Daniela Fürst interviews Andrea Scrima on her book “Wie viele Tage,” Literaturverlag Droschl. Live at the Leipzig Book Fair.

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Literario Leipzig

 

Bedford Avenue; ich stand vor dem U-Bahn-Plan, sprach die Namen aus und spürte den Nachgeschmack, den sie auf meiner Zunge hinterließen. Wie weit entfernt sie schienen, wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit; wie unwahrscheinlich, dass ich mit diesem Plan in der Tasche hinausgehen und tatsächlich in einen Zug steigen könnte. Und dann überwand ich schließlich meine Lethargie, ging die Bedford Avenue hinunter und stieg die Treppe zur U-Bahn hinab, während mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinunterrann; wie ich ohne einen klaren Plan im Kopf in einen klimatisierten Zug stieg, mich oben an der Haltestange festhielt und die Gänsehaut betrachtete, die sich auf meinem nackten Arm bildete, als der Schweiß auf meiner Haut kalt wurde. Ich stieg mehrmals um, zuerst am Union Square, dann an der Grand Central, betrachtete beim Einfahren des Zuges in jeden Bahnhof flüchtig die wartende Menge, meine Augen huschten von einem Gesicht zum anderen, suchten nach jemandem, den ich vielleicht kannte, irgendjemandem, unvorstellbar, in einer Stadt aufgewachsen zu sein und niemanden wiederzuerkennen, absolut niemanden. Meine Augen glitten vom Fenster des U-Bahn-Abteils und dem Strom der draußen vorbeihastenden Menschen nach oben, zu den Streifen Plakatwerbung, Hotlines für misshandelte Frauen, misshandelte Kinder, Zentren für kosmetische Chirurgie, Zahnchirurgie, mit einem Bild von Dr. Soundso und seiner Unterschrift darunter, gekrönt von einem irgendwie medizinisch aussehenden Schnörkel. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass ich mich auf dem Weg zur Bronx befand, und beschloss, an der 149th Street auszusteigen und nachzuschauen, ob das alte Gebäude noch dort stand, wann war ich zum letzten Mal hingefahren, ich muss noch ein Kind gewesen sein. Ich ging die Brook Avenue hinunter, ohne ein einziges Gebäude wiederzuerkennen, einen einzigen Baum, bog an der 148th Street ab und ging in Richtung St. Ann’s, begann die geraden Nummern auf der Südseite der Straße abzuzählen, hin zur Nr. 516, dem Haus, das meine Urgroßeltern nach ihrer Ankunft in diesem Land gekauft hatten, dem Haus, in dem meine Mutter aufwuchs, meine Großmutter aufwuchs, zwei lange Reihen fünfgeschossiger Gebäude zu beiden Seiten der Straße, mit zwei ausschließlich aus Durchgangszimmern bestehenden Wohnungen auf jedem Stockwerk und Frauen in langen Röcken und Schürzen, die Abend für Abend den Bürgersteig fegten. Hier war Nr. 514, ein etwas zurückgesetzt stehendes, zweigeschossiges Haus; ein Dreirad lag auf einem kleinen betonierten Vorplatz, aus dessen Rissen Unkraut hervorspross. Ich ging weiter zum nächsten Haus und sah die ins Holz über der Tür genagelten Ziffern 518, und dann blieb ich stehen und ging noch einmal zurück; ich muss daran vorbeigegangen sein, dachte ich, doch es gab keine Nr. 516, nur ein Gebäude mit der Nummer 514 und ein anderes mit der Nummer 518, beide aus einem vergleichsweise jüngeren Baujahr, doch keine 516, und ich stand da, starrte Nr. 514 an, dann Nr. 518, und begriff, dass das Haus bereits vor langer Zeit abgerissen worden sein musste, nachdem sich das Viertel in einen Slum verwandelt hatte. Und später, nachdem im Zuge einer Stadtteilsanierung die Grundstücke neu gezeichnet und andere Häuser errichtet worden waren, war die Nummer 516 einfach aus der Reihe der Adressen in der East 148th Street komplett verschwunden, und ich stand da, wo die Eingangstür zum Haus gewesen sein musste, und stellte mir vor, wie meine Mutter als Kind auf der Vortreppe gesessen hatte, meine Großmutter, ein Kind, hier, genau an diesem Fleck, wo das Haus einst gestanden hatte, jetzt nur mehr manifestiert durch eine Lücke in einer numerischen Folge. Ich stand eine ganze Weile da, betrachtete die Häuser und die Größe der Grundstücke, außerstande zu erklären, wie eine Adresse verschwunden sein konnte, die neueren Häuser waren nicht größer, nicht breiter als die älteren es gewesen waren, sie hätten nicht so viel zusätzlichen Platz in Anspruch genommen, um ein ganzes Grundstück einfach verschwinden zu lassen, dachte ich und ging die Straße hinunter und bog an der Ecke ab, an der meine Mutter ihre ganze Kindheit hindurch jeden Tag abgebogen war auf dem Weg zur Grundschule gegenüber dem Park, wo die wilden Jungs auf Pappkartons die großen Granitsteine hinunterrutschten und hohe Bäume aus den Spalten dazwischen wuchsen, jetzt zugemüllt mit alten Zeitungen und zerdrückten Bierdosen und im Unterholz verstreuten kleinen Haufen gebrauchter Spritzen.

Literadio 2

Literadio 3

me Leipzig booth

In the booth of Literaturverlag Drochl, Leipziger Buchmesse, March 15, 2018

 

 

Hear the full interview on Yale Radio:

http://museumofnonvisibleart.com/interviews/andrea-scrima/

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Making art was a form of archaeology, of excavating the inscrutable. It revealed itself through fragments, through their reconstruction. Why this dot, this smear—why did they resonate in such an unmistakable way? It was essential to recognize these events, to understand the patterns of their repetition and to narrow them down to a visual vocabulary. These were the elements at our disposal, there were never more than a handful of them, and they remained irreducible. Process was everything: there had to be a truthfulness to it, a conjunction between the act and the impulse that had propelled it, an economy in which every mark stood for something—not as a means to an end, but at the very moment it was being made. It required a suspension of conscious will; it was about locating one’s inner sensorium and learning to pay attention to it, to trust it. It was the point of convergence between the self and the world: the place where, if only for an instant, a universal language might be revealed. I stepped back to view the large canvas. Subtle shadows were visible across the white expanse now, caused by the topography of the scraped surface beneath it. Swirls of pigment had come to rest in the turpentine on the floor, and as I bent down to spread a few sheets of newspaper over the turbid puddle, my reflection bent down with me and reached its fingertips up toward my outstretched hand. 

— from the novel-in-progress Like Lips, Like Skins

A few years ago, some good people here in Berlin began putting together a project for NPR Radio called “Berlin Stories,” a collection of short pieces about the city read aloud by the authors who wrote them.

I adapted an excerpt from A Lesser Day (2010, Spuyten Duyvil Press), a scene set in 1993. I was living next door to an old woman who’d been the building’s superintendent throughout the rise and reign of National Socialism; one of the last of her kind, she’d been presiding there for over sixty years.

The piece is currently offline; I will repost the link when the archive is complete.

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The above image is taken from a series of installations titled Shelf Life. The pinned notes of the shelf lives of perishable goods were found on the inside of a kitchen pantry door of an old woman who had recently died. English translations (sample):

The following keep for:

1/2 year         fats, cereal products, dough products

1 year             meats, fish, berries

2 years           light fruit

2 – 3 years    spinach, celery, tomato paste

3 – 4 years    legumes, green beans, kohlrabi, root vegetables, mushrooms

 

One night, the smell of smoke sent me hurrying out into the hallway. I began to knock on her door, calling out Frau Chran, Frau Chran! as I stared at the sign above the bell with her name written in a shaky hand, and then I began knocking more loudly when all at once I heard Frau Chran fumbling with a set of keys from behind. And then the door opened a crack, and I pushed against it, only to discover that the chain was still attached. Let me in! Something’s on fire! and Frau Chran, with a look of fear and confusion in her eyes, obeyed and slid back the chain. I hurried past her into the living room, where a Christmas decoration hanging above a sideboard had caught fire, one long burning garland strung across the wall, and beneath it a smoking candle. I ran into the kitchen and found a bucket under the sink; I turned the knob of the faucet as far as it would go, but nothing more than a thin stream of water trickled out. I have to call the fire department, I thought frantically, but then I remembered that Frau Chran had had her number disconnected, and I realized that I would have to get her out of the apartment somehow. All at once Frau Chran began to whimper. Frau Chran, we have to leave, we have to call for help, I said as I tried to guide her out of the kitchen, but she pushed my hand away and cried out What? What are you saying? And I shouted We have to leave! and yanked her by the elbow, but she struck out with her cane and lost her balance and nearly fell to the floor as I caught her just in time. I’m not leaving, I’m not leaving, she screamed, her hands clasped around my arms, and then I saw that the bucket was nearly full, and I freed myself from her grip and pulled the bucket out of the sink, ran into the living room, and threw the water onto the flaming garland as a loud hiss rose up in the room. Frau Chran came hobbling in; she was wailing now, you won’t tell anyone, will you? Then a crafty expression crept over her face. I have a little savings, she began, if you could find me a nice young man who’ll paper the room, and then I heard myself telling her that everything would be alright, but I knew it was only a matter of time until someone would assess the danger she was beginning to present to the rest of the building’s inhabitants and notify the authorities.