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Tag Archives: New York

Radio interview with Joachim Scholl at Deutschlandfunk Kultur

(in German language)

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Scholl: Sie haben, wie ich finde, eine ganz intensive Sprache gefunden. Ich lese mal einen Satz vor, es ist mein Lieblingssatz. Da erklärt die Erzählerin, dass ihr Hund davongelaufen ist. Sie sucht ihn, findet ihn nicht, kommt dann mit einem anderen, der ihr zuläuft, wieder nach Hause. Und dann heißt es, Zitat: “Und so waren wir heimgekehrt mit einem Hund, einem nassen, hungrigen kleinen Hund, der mit einem tiefen, erschöpften Seufzer in meinen Armen zusammenbrach, als ich sein klatschnasses Fell mit dem Handtuch trocknete.” Ich weiß jetzt nicht, ob es daran liegt, dass ich mit jedem Jahr sentimentaler werde, aber ich habe so entzückt und tief geseufzt, als ich diesen Satz sah, diesen wunderschönen Satz. Ich habe mich gefragt, wie haben Sie diese Sprache gefunden?

Scrima: Das kann ich nicht beantworten. Man schreibt nicht mit einer Schreibstrategie im Hinterkopf. Ich glaube, es geht vielmehr darum, dass man versucht, den Zugang zu sich selbst möglichst intensiv zu ermöglichen. Und ich kann das selbst nicht unbedingt sagen, wie ich das gemacht habe. Das ist für jeden anders. Für jedes Buch ist es anders. Ich arbeite noch an einem Roman, der mir das Leben sehr schwer macht.

Scholl: Sprachlich kann ich mir das nicht vorstellen bei Ihnen, Frau Scrima. Vorhin sagten Sie kurz, dass Sie das Buch geschrieben haben, als Sie Ihr Baby gerade hatten. An einer Stelle, glaube ich, zieht das Baby unterm Tisch den Stecker aus dem Computer, und dann schreibt sie “Alles ist verloren”. Da dachte ich, ist das hoffentlich erfunden, oder war das so?

Scrima: Das ist sozusagen die Metapher für die Mutterschaft in den ersten paar Jahren. Wie das Kind einem immer einen Strich durch die Rechnung macht. Das ist in erster Linie auch als Metapher zu verstehen.

Wonderful words by writer Lance Olsen: 

“Fantastic reading/conversation last night with the ever thoughtful, existentially attentive, compassionate, wise, wildly talented, & fascinating Andrea Scrima about her post-genre autre-biography, A Lesser Day, its just-released German translation, Wie viele Tage, the spatial dimensions of memory, her use of the slippery ‘you’ in the text, the problematics of helping bring one’s own work over into a second language in which one is fluent, & so much more.”

April 12, 2018

me & rebecca lettrétage

Moderated by Rebecca Rukeyser.

Novellieren

It’s the small observations that make life what it is, because these are the things that determine our subjective perception of reality—and not the momentous events of history, the outside world. The aesthetic at work here lies in the ordinary, the everyday. In one of the novel’s most poetic sections, the protagonist becomes witness to the moment before the coffee trickling out of a discarded paper cup and a thin stream of dog urine converge on the street, in the precise spot where a slip of paper with an address on it has fallen, which she salvages in time. The thought that she was the only one to perceive the magic of this moment, these “three factors mysteriously interconnected in an equation meant for me and me alone,” induces a kind of vertigo—“and yet I understood nothing, nothing at all.”

— Isabella Caldart in Novellieren, February 20, 2018 (in German)

 

Read the full review here. 

March 15, 2018

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The wonderful Daniela Fürst interviews Andrea Scrima on her book “Wie viele Tage,” Literaturverlag Droschl. Live at the Leipzig Book Fair.

Listen here at Literadio

Literario Leipzig

 

Bedford Avenue; ich stand vor dem U-Bahn-Plan, sprach die Namen aus und spürte den Nachgeschmack, den sie auf meiner Zunge hinterließen. Wie weit entfernt sie schienen, wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit; wie unwahrscheinlich, dass ich mit diesem Plan in der Tasche hinausgehen und tatsächlich in einen Zug steigen könnte. Und dann überwand ich schließlich meine Lethargie, ging die Bedford Avenue hinunter und stieg die Treppe zur U-Bahn hinab, während mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinunterrann; wie ich ohne einen klaren Plan im Kopf in einen klimatisierten Zug stieg, mich oben an der Haltestange festhielt und die Gänsehaut betrachtete, die sich auf meinem nackten Arm bildete, als der Schweiß auf meiner Haut kalt wurde. Ich stieg mehrmals um, zuerst am Union Square, dann an der Grand Central, betrachtete beim Einfahren des Zuges in jeden Bahnhof flüchtig die wartende Menge, meine Augen huschten von einem Gesicht zum anderen, suchten nach jemandem, den ich vielleicht kannte, irgendjemandem, unvorstellbar, in einer Stadt aufgewachsen zu sein und niemanden wiederzuerkennen, absolut niemanden. Meine Augen glitten vom Fenster des U-Bahn-Abteils und dem Strom der draußen vorbeihastenden Menschen nach oben, zu den Streifen Plakatwerbung, Hotlines für misshandelte Frauen, misshandelte Kinder, Zentren für kosmetische Chirurgie, Zahnchirurgie, mit einem Bild von Dr. Soundso und seiner Unterschrift darunter, gekrönt von einem irgendwie medizinisch aussehenden Schnörkel. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass ich mich auf dem Weg zur Bronx befand, und beschloss, an der 149th Street auszusteigen und nachzuschauen, ob das alte Gebäude noch dort stand, wann war ich zum letzten Mal hingefahren, ich muss noch ein Kind gewesen sein. Ich ging die Brook Avenue hinunter, ohne ein einziges Gebäude wiederzuerkennen, einen einzigen Baum, bog an der 148th Street ab und ging in Richtung St. Ann’s, begann die geraden Nummern auf der Südseite der Straße abzuzählen, hin zur Nr. 516, dem Haus, das meine Urgroßeltern nach ihrer Ankunft in diesem Land gekauft hatten, dem Haus, in dem meine Mutter aufwuchs, meine Großmutter aufwuchs, zwei lange Reihen fünfgeschossiger Gebäude zu beiden Seiten der Straße, mit zwei ausschließlich aus Durchgangszimmern bestehenden Wohnungen auf jedem Stockwerk und Frauen in langen Röcken und Schürzen, die Abend für Abend den Bürgersteig fegten. Hier war Nr. 514, ein etwas zurückgesetzt stehendes, zweigeschossiges Haus; ein Dreirad lag auf einem kleinen betonierten Vorplatz, aus dessen Rissen Unkraut hervorspross. Ich ging weiter zum nächsten Haus und sah die ins Holz über der Tür genagelten Ziffern 518, und dann blieb ich stehen und ging noch einmal zurück; ich muss daran vorbeigegangen sein, dachte ich, doch es gab keine Nr. 516, nur ein Gebäude mit der Nummer 514 und ein anderes mit der Nummer 518, beide aus einem vergleichsweise jüngeren Baujahr, doch keine 516, und ich stand da, starrte Nr. 514 an, dann Nr. 518, und begriff, dass das Haus bereits vor langer Zeit abgerissen worden sein musste, nachdem sich das Viertel in einen Slum verwandelt hatte. Und später, nachdem im Zuge einer Stadtteilsanierung die Grundstücke neu gezeichnet und andere Häuser errichtet worden waren, war die Nummer 516 einfach aus der Reihe der Adressen in der East 148th Street komplett verschwunden, und ich stand da, wo die Eingangstür zum Haus gewesen sein musste, und stellte mir vor, wie meine Mutter als Kind auf der Vortreppe gesessen hatte, meine Großmutter, ein Kind, hier, genau an diesem Fleck, wo das Haus einst gestanden hatte, jetzt nur mehr manifestiert durch eine Lücke in einer numerischen Folge. Ich stand eine ganze Weile da, betrachtete die Häuser und die Größe der Grundstücke, außerstande zu erklären, wie eine Adresse verschwunden sein konnte, die neueren Häuser waren nicht größer, nicht breiter als die älteren es gewesen waren, sie hätten nicht so viel zusätzlichen Platz in Anspruch genommen, um ein ganzes Grundstück einfach verschwinden zu lassen, dachte ich und ging die Straße hinunter und bog an der Ecke ab, an der meine Mutter ihre ganze Kindheit hindurch jeden Tag abgebogen war auf dem Weg zur Grundschule gegenüber dem Park, wo die wilden Jungs auf Pappkartons die großen Granitsteine hinunterrutschten und hohe Bäume aus den Spalten dazwischen wuchsen, jetzt zugemüllt mit alten Zeitungen und zerdrückten Bierdosen und im Unterholz verstreuten kleinen Haufen gebrauchter Spritzen.

Literadio 2

Literadio 3

me Leipzig booth

In the booth of Literaturverlag Drochl, Leipziger Buchmesse, March 15, 2018

 

 

taz article

 

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache.

Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

 

“Everything I see around me, everything I touch: the chair I am sitting in, the paper I am writing this on, none of it is as ephemeral as I.” The narrator of Wie viele Tage takes her ambivalence, her “difficulty with the present tense” as the departure point of a quest in which writing becomes a means of merging with life. In her mind, she need only open a drawer in the old kitchen cabinet on Staten Island or imagine the Italian language primers from school or remember how, “in this vast empire of our childhood,” she invented “scientific facts” about the universe for her brother, and already the figures are set into motion, and it’s as though they could interrupt the narrator at any moment—that’s how alive they become in this writing’s imagery. This is a high art, and it testifies to the richness of a book that succeeds in freeing itself from any concerns of self-assertion to create a space in which the reader indeed begins to think more precisely, see more clearly—and become more receptive and sentient.”

Elisabeth Wagner in the taz, weekend issue, February 10–11, 2018

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Excerpt from my essay, (Re)Reading Don DeLillo in Dark Times:

“Are we more similar to animals than we care to admit, caught in vast murmurations and blind herds that obey some ancient code humming in our DNA? Or have we merely gotten used to believing our own stories? I mean not only to celebrate the work of one of our most influential, prescient, brooding, analytical minds but to comb it for clues, metaphors, a vocabulary and a language that can somehow explain us to ourselves. What can literary fiction achieve in a culture that has itself surrendered to fiction? That is more comfortable with make-believe than with doing the tedious work of trying to figure out why things are the way they are? Americans are addicted to fun—it’s what makes the U.S. so charismatic, and so good at popular culture, and enviable in so many ways, but it’s at the heart of a breakdown in discourse and a disassociation from reality that has us, literally, making things up as we go along. Americans want to be fired up, engaged emotionally—they want to get teary-eyed, earnestly confess, make solemn avowals. Does our literature help us to dig deeper, does it peel away the lies we tell ourselves, or does it perpetuate the problem through a self-celebration and nostalgia that reinforce the myths we’ve created about ourselves?”

Watch the full panel here:

 

The conference title, “The Body Artist,” refers not specifically to DeLillo’s 2001 novel, but to DeLillo himself, an artist who has spent a career dramatizing personal encounters with impersonal systems, the human body facing the inhuman machine. The event will feature panels and presentations predominantly by literary artists, fiction writers thinking about this fiction writer’s work—what it is, what it has meant, and what it means now.

Panelists:
— Scott Cheshire, “Don DeLillo’s Gods: A Taxonomy”
— Tyler Malone, “‘You Have Not Convinced Me’: David Markson, Don DeLillo, and the Narcissism of Minor Difference”
— Fred Gardaphe, “Masquerade Americana: Don DeLillo’s ‘Italianitá’ in a Minor Key”
— Andrea Scrima: “(Re)reading Don DeLillo in Dark Times”

The conference will consider not only DeLillo’s themes—paranoia, global terrorism, underground conspiracies, consumerism, digital technology, media, gender, and race—but also his craft, humor, language, style, spirituality and Catholicism, Italian-American identity, and his representations of New York, the city in which the conference will take place.

The New School | http://newschool.edu

Location: The Auditorium, Alvin Johnson/J.M. Kaplan Hall
66 West 12th Street, New York, NY 10011
Saturday, April 29, 2017 at 9:00 am to 4:30 pm