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Tag Archives: James Baldwin

Essay in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. 

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“Das amerikanische Narrativ ist ein Narrativ der Infantilisierung, ein Märchen für Kinder, in dem Liebe, Sex, Familie – eigentlich alles menschliche Streben – verkitscht, jeder Nuance und Mehrdeutigkeit und aller zum Leben gehörenden Widersprüche beraubt wird. Wir müssen alles ausbuchstabiert haben; wir sind eine Kultur mit kindlichen Vorstellungen, sogar von der Kindheit. Das amerikanische Denken scheint auf ein einziges übergeordnetes Narrativ geeicht. Es braucht einen good guy und einen bad guy; es braucht einen Traum und etwas, das diesem Traum im Wege steht. Es braucht unglückliche Umstände, die den Helden zu überwältigen drohen, so dass er sich ein Herz fassen, der Herausforderung stellen und siegen kann. Man beobachtet dies in Filmen, in der Politik, im Journalismus, in Lehrplänen, auf dem Baseballplatz, in TED-Talks, bei Preisverleihungen, Gerichtsverhandlungen und NGOs, in Cartoons und in der Art, wie wir über Krankheit und den Tod reden, überall dort, wo wir die kreierten Narrative von der eigenen Geschichte, unsere kollektiven Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von uns selbst und dem, was wir sein wollen, inszenieren. Doch diesem Narrativ zu widersprechen, auch nur einen einzigen Aspekt dieser Loyalität in Frage zu stellen bedeutet, den eigenen Stamm zu verraten.

Ich versuche um alles in der Welt zu verstehen, wie die Fiktion darüber, wie dieses Land entstanden ist, sich in eine so bewusstseinsverändernde Kraft verwandelt hat, dass man nur von Massenhypnose oder einer Form kollektiver Psychose sprechen kann, in der die USA sich rätselhafterweise noch immer als ‘die größte Nation auf Erden’ sehen; in der jeder Hinterfragung dessen, was Amerika amerikanisch macht, nicht mit der Bereitschaft zu unparteiischer Analyse oder zur Überprüfung der eigenen Positionen, sondern mit ungehaltener, oft feindseliger Ablehnung begegnet wird. ‘Wir haben’, beobachtete Baldwin, ‘einen sehr merkwürdigen Realitätssinn – oder vielmehr (…) einen auffälligen Hang zur Irrealität.’ Sind wir wirklich so tapfer, wie wir zu sein glauben; sind wir so aufrichtig, so tatkräftig, so frei, wie wir zu sein glauben? Wir werden nicht mehr von aller Welt beneidet, schon seit langem nicht mehr, und auch wenn das vielleicht nicht zu dem Bild passt, das wir von uns haben, so ist es doch an der Zeit, uns mit der kognitiven Dissonanz zu befassen und nach innen zu schauen.”

“The national narrative is a narrative of infantilization, a fairy tale written for children in which love, sex, family, in fact all human endeavor, is sentimentalized, stripped of nuance and ambiguity and all of life’s inherent contradictions. We need everything spelled out; we are a culture with childish notions, even of childhood.”

Read the essay in The Millions. 

Uncle Sam

Identity is a construct that forms in response to a psychic need: for protection, for validation, for a sense of belonging in a bewildering world. It’s a narrative; it tells itself stories about itself. But identity is also a reflex, a tribal chant performed collectively to ward off danger, the Other, and even the inevitable. Its rules are simple: They demand allegiance; they require belief in one’s own basic goodness and rightness. It’s a construct based not in fact but on belief, and as such it has far more in common with religion than with reason. I try for the life of me to understand what it is and how the fiction of what this country has become has turned into such a mind-altering force that one can only speak of mass hypnosis or a form of collective psychosis in which the USA still, bafflingly, sees itself as the “greatest nation on Earth,” in which anything that calls what makes America American into question is met not with impartial analysis or self-scrutiny but indignant and often hostile repudiation. We have, as Baldwin observed in his Collected Essays, “a very curious sense of reality—or, rather…a striking addiction to irreality.” Are we really as brave as we think we are; are we as honest, as enterprising, as free as we think we are? We’re not the envy of the world and haven’t been for a long time, and while this might not match the image we have of ourselves, it’s time to address the cognitive dissonance and look within.