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Wie viele Tage

PATTERNS OF EROSION: 

A Conversation with Andrea Scrima on A Lesser Day and the new German edition, Wie viele Tage. 

“She sees a slip of paper lying on the street at the point of projected convergence, and she picks it up with a feeling that retrieving it is somehow necessary and crucial. That’s a key passage in the book, and it comes close to describing a relationship to meaning, in the way that you’re living in an insentient world, in a world of natural phenomena, man-made phenomena, trains and buses and buildings and streets, yet things are constantly happening that can suddenly seem to be saying something to you. The phrase I use in the book is ‘a language of happenstance […] in the din of occurrence.’ Searching for meaning in these chance occurrences—the superstitious see signs in coincidences, but you could also think of them as constituting a kind of language. But whose, and to what purpose?”

Read the full interview online here

M&Lcover

“A linear narrative is sacrificed in favor of a porous, associative composition that blurs dimensions through its mantra-like ‘but that came later.’ History becomes palpable as a background murmur. The reconstruction of the turbulent decade in which the narrator’s vagabond life takes place is achieved through newspaper clippings, which she appropriates artistically. What remains is an inquiry into the time-space continuum: to what degree is the artist today the person she encounters in the layers of her painting surfaces, her texts, the layers of her past? These are things Andrea Scrima writes about wonderfully in her autobiographically colored debut.”

— Senta Wagner, Buchkultur 177  2/2018

 

 

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Wonderful words by writer Lance Olsen: 

“Fantastic reading/conversation last night with the ever thoughtful, existentially attentive, compassionate, wise, wildly talented, & fascinating Andrea Scrima about her post-genre autre-biography, A Lesser Day, its just-released German translation, Wie viele Tage, the spatial dimensions of memory, her use of the slippery ‘you’ in the text, the problematics of helping bring one’s own work over into a second language in which one is fluent, & so much more.”

April 12, 2018

me & rebecca lettrétage

Moderated by Rebecca Rukeyser.

Listen to the MP3 here. 

“Respekt ist das erste Gefühl, dass sich bei der Lektüre einstellt: man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. (. . .) Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie.  Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes Du wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns.”

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Ein Leben im Pendelflug zwischen New York und Berlin. Heute hier, morgen dort, zerrissen zwischen zwei Welten und beheimatet immer nur auf Zeit. Die Amerikanerin Andrea Scrima erzählt in ihrem ersten Buch “Wie viele Tage” aus dem Leben einer Künstlerin in den 1980er und 90er Jahren. Sie gehe zwar von persönlichen Erinnerungen aus, lasse sich dann aber zu weiteren Fantasien anregen, sagte Andrea Scrima im Interview. Die Struktur des Buches orientiere sich vor allem an Marie Luise Kaschnitz’ Aufzeichnungen “Orte”.

Kaschnitz ordnete ihre eigenen Lebenserinnerungen in Form von Selbstbefragungen und Momentaufnahmen nach den Wohnorten ihres Lebens. Nach diesem Prinzip blickt auch Andrea Scrimas Protagonistin zurück auf ihre ersten vierzig Lebensjahre. In Berlin erlebt sie den Fall der Mauer und in New York verändert der Terroranschlag auf das World Trade Center die Skyline ihrer Heimatstadt.

Scrima collagiert Rückblicke mit Skizzen von Wohnorten, die wie Polaroidfotos kurz aufblitzen. Vom Elternhaus auf Staten Island über den Umzug ins New Yorker East Village und in das geteilte Berlin bis zu Zwischenstationen in Brooklyn folgt die Autorin den Ortswechseln einer jungen Amerikanerin in prekären Lebensverhältnissen. Respekt ist das erste Gefühl, das sich bei der Lektüre einstellt. Man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. Die Wohnungen und Fabriketagen, in denen die Protagonistin lebt und arbeitet, sind billig, zugig und kalt. Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie. Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes “Du” wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns. Sie lässt sich Zeit für Beobachtungen und die Gefühle, die sie auslösen. Schichtweise legt sie in alten Notizen die verlorenen Lebensträume ihres verstorbenen Vaters frei. “Und dann der Moment des Erkennens, dessen betäubende Wirkung”, erinnert sich die Protagonistin an erhellende und beängstigende Augenblicke. Sie will Erkenntnis schöpfen über den Sinn unserer Existenz und den Umgang mit Vergänglichkeit und Verlusten. Die assoziativen Notizen folgen keiner Chronologie, es gibt weder Handlung noch Dialoge in diesem Buch. Die Erzählerin misst die Zeit am Trockenprozess von gepressten Teebällchen, die sie auf dem Fensterbrett zu Kunstobjekten arrangiert, sie vertieft sich in das Muster der Abnutzung auf dem Küchenfußboden: “Wie zuerst das Weiße des Vorstrichs unter dem Lack sichtbar wurde”, schreibt sie, “wie dann die nackte Platte durchschien, jedes Jahr ein bisschen mehr.”

Die unerfüllte Sehnsucht nach Beständigkeit inmitten von Umzügen und Kurzzeitjobs ist bedrückend und bringt doch Kontinuität in den Roman. Forschend blickt die Protagonistin auf ihr jüngeres Selbst, fragt sich, was sie damals noch nicht wissen konnte, verweist auf zukünftiges Wissen, ohne dies aber zu enthüllen. “Dicke Schwaden Vergangenheit” hängen schwer in der Luft, kriechen im Empfinden der späten Mutter, die sich allmählich zur Textkünstlerin wandelt, aus allen Ecken des Zimmers, wo sie den Nachlass ihres Vaters ordnet. Der Überseekoffer ihrer Urgroßmutter, die einst von Deutschland in die USA emigrierte – “wohin führt mich all das?”, fragt sich die Erzählerin. Es führt sie und den Leser zu unvergleichlich intensiven Momentaufnahmen und der Gewissheit, dass jeder Tag, jede Minute es wert ist, festgehalten zu werden — in Bildern und in Worten. So wie der Augenblick, als die Strahlen der Spätnachmittagssonne auf Hunderten von Taubenflügeln flackern und sie in ein leuchtendes Orange tauchen. Andrea Scrima malt mit Worten und entreißt den Moment der Vergänglichkeit durch ihre Alltagspoesie. Das alles braucht Zeit, viel Zeit, um zu reifen. Es ist das Glück des Lesers, dass Andrea Scrima sich diese Zeit genommen hat.

— Claudia Fuchs

Novellieren

It’s the small observations that make life what it is, because these are the things that determine our subjective perception of reality—and not the momentous events of history, the outside world. The aesthetic at work here lies in the ordinary, the everyday. In one of the novel’s most poetic sections, the protagonist becomes witness to the moment before the coffee trickling out of a discarded paper cup and a thin stream of dog urine converge on the street, in the precise spot where a slip of paper with an address on it has fallen, which she salvages in time. The thought that she was the only one to perceive the magic of this moment, these “three factors mysteriously interconnected in an equation meant for me and me alone,” induces a kind of vertigo—“and yet I understood nothing, nothing at all.”

— Isabella Caldart in Novellieren, February 20, 2018 (in German)

 

Read the full review here. 

March 15, 2018

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The wonderful Daniela Fürst interviews Andrea Scrima on her book “Wie viele Tage,” Literaturverlag Droschl. Live at the Leipzig Book Fair.

Listen here at Literadio

Literario Leipzig

 

Bedford Avenue; ich stand vor dem U-Bahn-Plan, sprach die Namen aus und spürte den Nachgeschmack, den sie auf meiner Zunge hinterließen. Wie weit entfernt sie schienen, wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit; wie unwahrscheinlich, dass ich mit diesem Plan in der Tasche hinausgehen und tatsächlich in einen Zug steigen könnte. Und dann überwand ich schließlich meine Lethargie, ging die Bedford Avenue hinunter und stieg die Treppe zur U-Bahn hinab, während mir der Schweiß zwischen den Brüsten hinunterrann; wie ich ohne einen klaren Plan im Kopf in einen klimatisierten Zug stieg, mich oben an der Haltestange festhielt und die Gänsehaut betrachtete, die sich auf meinem nackten Arm bildete, als der Schweiß auf meiner Haut kalt wurde. Ich stieg mehrmals um, zuerst am Union Square, dann an der Grand Central, betrachtete beim Einfahren des Zuges in jeden Bahnhof flüchtig die wartende Menge, meine Augen huschten von einem Gesicht zum anderen, suchten nach jemandem, den ich vielleicht kannte, irgendjemandem, unvorstellbar, in einer Stadt aufgewachsen zu sein und niemanden wiederzuerkennen, absolut niemanden. Meine Augen glitten vom Fenster des U-Bahn-Abteils und dem Strom der draußen vorbeihastenden Menschen nach oben, zu den Streifen Plakatwerbung, Hotlines für misshandelte Frauen, misshandelte Kinder, Zentren für kosmetische Chirurgie, Zahnchirurgie, mit einem Bild von Dr. Soundso und seiner Unterschrift darunter, gekrönt von einem irgendwie medizinisch aussehenden Schnörkel. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass ich mich auf dem Weg zur Bronx befand, und beschloss, an der 149th Street auszusteigen und nachzuschauen, ob das alte Gebäude noch dort stand, wann war ich zum letzten Mal hingefahren, ich muss noch ein Kind gewesen sein. Ich ging die Brook Avenue hinunter, ohne ein einziges Gebäude wiederzuerkennen, einen einzigen Baum, bog an der 148th Street ab und ging in Richtung St. Ann’s, begann die geraden Nummern auf der Südseite der Straße abzuzählen, hin zur Nr. 516, dem Haus, das meine Urgroßeltern nach ihrer Ankunft in diesem Land gekauft hatten, dem Haus, in dem meine Mutter aufwuchs, meine Großmutter aufwuchs, zwei lange Reihen fünfgeschossiger Gebäude zu beiden Seiten der Straße, mit zwei ausschließlich aus Durchgangszimmern bestehenden Wohnungen auf jedem Stockwerk und Frauen in langen Röcken und Schürzen, die Abend für Abend den Bürgersteig fegten. Hier war Nr. 514, ein etwas zurückgesetzt stehendes, zweigeschossiges Haus; ein Dreirad lag auf einem kleinen betonierten Vorplatz, aus dessen Rissen Unkraut hervorspross. Ich ging weiter zum nächsten Haus und sah die ins Holz über der Tür genagelten Ziffern 518, und dann blieb ich stehen und ging noch einmal zurück; ich muss daran vorbeigegangen sein, dachte ich, doch es gab keine Nr. 516, nur ein Gebäude mit der Nummer 514 und ein anderes mit der Nummer 518, beide aus einem vergleichsweise jüngeren Baujahr, doch keine 516, und ich stand da, starrte Nr. 514 an, dann Nr. 518, und begriff, dass das Haus bereits vor langer Zeit abgerissen worden sein musste, nachdem sich das Viertel in einen Slum verwandelt hatte. Und später, nachdem im Zuge einer Stadtteilsanierung die Grundstücke neu gezeichnet und andere Häuser errichtet worden waren, war die Nummer 516 einfach aus der Reihe der Adressen in der East 148th Street komplett verschwunden, und ich stand da, wo die Eingangstür zum Haus gewesen sein musste, und stellte mir vor, wie meine Mutter als Kind auf der Vortreppe gesessen hatte, meine Großmutter, ein Kind, hier, genau an diesem Fleck, wo das Haus einst gestanden hatte, jetzt nur mehr manifestiert durch eine Lücke in einer numerischen Folge. Ich stand eine ganze Weile da, betrachtete die Häuser und die Größe der Grundstücke, außerstande zu erklären, wie eine Adresse verschwunden sein konnte, die neueren Häuser waren nicht größer, nicht breiter als die älteren es gewesen waren, sie hätten nicht so viel zusätzlichen Platz in Anspruch genommen, um ein ganzes Grundstück einfach verschwinden zu lassen, dachte ich und ging die Straße hinunter und bog an der Ecke ab, an der meine Mutter ihre ganze Kindheit hindurch jeden Tag abgebogen war auf dem Weg zur Grundschule gegenüber dem Park, wo die wilden Jungs auf Pappkartons die großen Granitsteine hinunterrutschten und hohe Bäume aus den Spalten dazwischen wuchsen, jetzt zugemüllt mit alten Zeitungen und zerdrückten Bierdosen und im Unterholz verstreuten kleinen Haufen gebrauchter Spritzen.

Literadio 2

Literadio 3

me Leipzig booth

In the booth of Literaturverlag Drochl, Leipziger Buchmesse, March 15, 2018

 

 

taz article

 

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache.

Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

 

“Everything I see around me, everything I touch: the chair I am sitting in, the paper I am writing this on, none of it is as ephemeral as I.” The narrator of Wie viele Tage takes her ambivalence, her “difficulty with the present tense” as the departure point of a quest in which writing becomes a means of merging with life. In her mind, she need only open a drawer in the old kitchen cabinet on Staten Island or imagine the Italian language primers from school or remember how, “in this vast empire of our childhood,” she invented “scientific facts” about the universe for her brother, and already the figures are set into motion, and it’s as though they could interrupt the narrator at any moment—that’s how alive they become in this writing’s imagery. This is a high art, and it testifies to the richness of a book that succeeds in freeing itself from any concerns of self-assertion to create a space in which the reader indeed begins to think more precisely, see more clearly—and become more receptive and sentient.”

Elisabeth Wagner in the taz, weekend issue, February 10–11, 2018