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Hear the full interview on Yale Radio:

http://museumofnonvisibleart.com/interviews/andrea-scrima/

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Making art was a form of archaeology, of excavating the inscrutable. It revealed itself through fragments, through their reconstruction. Why this dot, this smear—why did they resonate in such an unmistakable way? It was essential to recognize these events, to understand the patterns of their repetition and to narrow them down to a visual vocabulary. These were the elements at our disposal, there were never more than a handful of them, and they remained irreducible. Process was everything: there had to be a truthfulness to it, a conjunction between the act and the impulse that had propelled it, an economy in which every mark stood for something—not as a means to an end, but at the very moment it was being made. It required a suspension of conscious will; it was about locating one’s inner sensorium and learning to pay attention to it, to trust it. It was the point of convergence between the self and the world: the place where, if only for an instant, a universal language might be revealed. I stepped back to view the large canvas. Subtle shadows were visible across the white expanse now, caused by the topography of the scraped surface beneath it. Swirls of pigment had come to rest in the turpentine on the floor, and as I bent down to spread a few sheets of newspaper over the turbid puddle, my reflection bent down with me and reached its fingertips up toward my outstretched hand. 

— from the novel-in-progress Like Lips, Like Skins

Scrima-COVER

Photo: Eliza Proctor

 

Kent Avenue. Der kahle Raum, der überwältigende Ausblick. Unter der Decke entlang laufende Rohrleitungen, Fenster über die gesamte Vorderfront; draußen die Betonfabrik und der Brooklyn Navy Yard und in der Ferne die stetige Prozession von Lichtern, die sich über die Manhattan Bridge und den Franklin D. Roosevelt-Drive hinaufbewegten. Wie ich alle Lampen im Atelier löschte und im Dunkeln saß, hinausblickte auf die Stadt, in der ich geboren war, in der meine Mutter geboren war, mein Vater geboren war – und eine Großmutter, ein Großvater, doch da endet die Spur, verliert sich in dem Moment, wo sie wieder die Küsten des alten Kontinents berührt. Wie ich Großmutters Sessel aus dem Keller schleppte, wo er seit zwanzig Jahren, fünfundzwanzig Jahren im Dunkeln gestanden hatte, ihn am Kofferraum des Autos meiner Mutter festschnürte und nach Brooklyn fuhr; doch das kam später. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus, schüttelte die Krümel des Schaumstoffs aus, der nach all den Jahren spröde geworden und in Auflösung begriffen war; der kunstvoll eingenähte Reißverschluss, dieser komische Stoff mit dem Postkutschenmotiv, wieso hat niemand von uns je nähen gelernt, irgendwann gab es für diesen Sessel mal einen kompletten, perfekt passenden Schonbezug mit einem kleinen steifen Volant am unteren Rand und Paspeln an sämtlichen Nähten. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus und schaute zu, wie die orangefarbenen Krümel des maroden Schaumstoffs von einem Luftstrom erfasst wurden, der vom Fluss heraufblies, wie sie schwebten und im Schrägflug bis ganz nach unten auf den Boden segelten; und dann entglitt mir der Bezug und fiel die acht Stockwerke hinunter auf die Straße. Und da lag er, dieser Bezug mit dem Postkutschenstoff, mitten auf der Kent Avenue, und ein Lastwagen fuhr über ihn hinweg, und dann noch einer; doch das kam später. Und daran zu denken: wie Großmutter all die Jahre in ihrem Sessel saß und häkelte, im oberen Stockwerk, im Haus auf der anderen Seite des Hafens, bevor der Stoff verschlissen war, bevor ihre Möbel hinunter in den Keller getragen wurden und oben die ersten Mieter einzogen, dort wo einst Sumpfland gewesen war, vor Jahrhunderten trockengelegt von holländischen Siedlern. Und daran zu denken: dass dieses Gebäude existiert hat, dieses Fenster die ganze Zeit existiert hat, gewartet hat, dass der Metallgriff am gusseisernen Fensterrahmen, hier, jetzt, direkt vor mir, geöffnet und geschlossen von so vielen Händen, so viele Jahre lang, auf mich gewartet hat, auf diesen Moment gewartet hat, auf Großmutters Sessel und die orangefarbenen Krümel von altem Schaumstoff, zu sehen vom Brooklyn-Queens-Expressway in der Nähe der Ausfahrt Flushing Avenue, inmitten einer Landschaft aus Lagerhäusern und Wassertürmen und Gerüsten mit riesigen Neonschildern. Und nun saß ich an diesem Fenster mit einer unbestimmten Zeitspanne vor mir, sechs Monate, ein Jahr, und dann sah ich es zum ersten Mal, das Elektrizitätswerk, in dem du gearbeitet hast, als wir klein waren, bevor du nach Kips Bay versetzt worden bist. Du, und du. Wie kommt es, dass ich es nicht vorher gesehen habe, wie kommt es, dass es beim Namen der Straße nicht geklingelt hat, Kent Avenue: der weit entfernte Ort, wo du jeden Tag hinfuhrst, von dem du jeden Tag heimkamst, der mythische Klang, den er einmal besaß, und bloß ein Wort, die Art, wie du es aussprachst; vergangene Zeiten.

 

Übersetzung: Barbara Jung

 

Events:

  • 24. Januar 2018, 19:45
    Literally Speaking zu Gast im BuchHafen Berlin
    Mit Chris Chinchilla, Wlada Kolosowa, Rhea Ramjohn und Isabelle Ståhl.
  • 15. März 2018, 16:00
    Leipziger Buchmesse, Forum DIE UNABHÄNGIGEN, Halle 5, Stand H309
  • 15. März 2018, 17:00
    Leipziger Buchmesse, literadio

    Mit Daniela Fürst

  • 5. April 2018, 19:00
    Podiumsdiskussion und Lesungen aus der Ausgabe 218 von Manuskripte
    Lettrétage, Berlin
    Es lesen Ruth Benrath, Georg Leß, Andrea Scrima, Gerhild Steinbuch, Andreas Unterweger, Joceline Ziegler
  • 12. April 2018, 19:00
    Book Launch und Lesung: Wie viele Tage 
    Berlin Writers’ Workshop zu Gast im Lettrétage, Berlin
    Im Gespräch mit der Moderatorin Rebecca Rukeyser
  • 17. April 2018, 19:00
    Literaturhaus Graz

    Mit Thomas Stangl. Moderation: Anton Thuswaldner

  • 3. Mai 2018, 19:30
    Literaturhaus Berlin
    Mit Leander Steinkopf
  • 17. Mai 2018, 19:30
    Deutsch-Amerikanisches Institut zu Gast im Museum für neue Kunst
    Freiburg am Breisgau
  • 23. Mai 2018, 18:00
    The Circus Hotel, Berlin
    Im Gespräch mit Madeleine LaRue von Music & Literature 
  • 31. Mai 2018, 19:00
    Buchlounge, Berlin
    Im Gespräch mit Michaela Höher
  • 19. Juni 2018, 20:00
    Die gute Seite, Richardplatz, Berlin
    Lesung und Verlagsvorstellung mit Annette Knoch

Rezensionen:

Die Gegenstände werden das Ich überdauern, „nichts ist so ephemer wie ich selbst“, weiß die Erzählerin, die ihre Ambivalenzen, ihre „Schwierigkeit mit dem Präsens“ zum Ausgangspunkt ihrer Suche macht und sich im Schreiben mit ihrem Leben verbündet. Sie muss in Gedanken nur eine Schublade des alten Küchenschranks auf Staten Island öffnen oder die italienischen Lesefibeln vor sich sehen, oder sich daran erinnern, wie sie „in diesem riesigen Königreich unserer Kindheit“ für den Bruder „wissenschaftliche Tatsachen“ über das Universum erfand, und es ist, als würden die Figuren sich in Bewegung setzen, als könnten sie der Erzählerin sogar ins Wort fallen, so lebendig werden sie im Bild dieser Sprache. Das ist hohe Kunst und beweist den Reichtum dieses Buchs, dem es gelingt, sich von allen Belangen der Selbstbehauptung zu lösen und einen Raum zu schaffen, in dem man als Leser tatsächlich den Eindruck hat, genauer denken, deutlicher sehen zu können. Empfindsamer zu sein.

— Elisabeth Wagner in der taz, Wochenendausgabe, 10. Februar 2018

 

Es sind die kleinen Beobachtungen, die das Leben zu dem machen, was es ist, denn sie bestimmen die subjektive Wahrnehmung der Realität, und nicht die großen Erschütterungen der Zeit, der Außenwelt. Die Ästhetik liegt im Gewöhnlichen und Alltäglichen. In einer der poetischsten Stellen des Romans wird die Protagonistin Zeugin des Moments, bevor sich der Kaffeerest aus einem achtlos weggeworfenen Becher und Hundeurin auf der Straße berühren und genau dort ein Zettel mit einer Adresse liegt, den sie rettet. Der Gedanke, dass nur sie den Zauber dieses Augenblicks wahrgenommen hat, diese „Faktoren in einer Gleichung, die für mich und nur für mich bestimmt war“, macht sie schwindlig – „und dennoch verstand ich nichts, überhaupt nichts“. 

— Isabella Caldart im Novellieren, 20. Februar 2018

 

Respect ist das erste Gefühl, dass sich bei der Lektüre einstellt: man hat Respekt vor der unbeirrbaren Widerständigkeit einer Frau, die ihren Lebensort sucht und ihre Identität als Künstlerin entschieden verteidigt. (. . .) Leben konnte die Malerin von ihrer Kunst nie.  Aber die Erzählerin, die sich immer wieder an ein wechselndes, aber vertrautes Du wendet, nutzt die Unsicherheit ihrer Künstlerexistenz und entwickelt daraus eine beeindruckende Freiheit des Denkens und Handelns.

— Claudia Fuchs, SWR2, 03. April 2018

 

Feinsinnige, unglaublich intensive Momentaufnahmen einer Frau über das Verstreichen der Zeit, ihre Einsamkeit, Verlust und Verlassenheit und die Fähigkeit loszulassen.

— Klaus Bittner, Buchtipps Frühjahr 2018

 

Andrea Scrima ist eine Meisterin des Sehens, vermag mit ihrer feinen Wahrnehmung Oberflächen aufzubrechen, dahinter liegende Schichten freizulegen. (. . .) Sie schreibt, wie sie arbeitet, wie sich das Sehen in ihrer Kunst manifestiert. Wie sie ihre Umgebung, ihre Welt zu erfassen versucht, wie sie sich mit ihr vertraut macht. Wie wenig sie dabei von sich selbst gefangen ist!

— Gallus Frei-Tomic, literaturblatt.ch, 10. April 2018

 

Ihre transatlantischen Erinnerungen an das New Yorker Zuhause und die Wahlheimat Berlin in den 1980er und 90er Jahren verknüpft Scrima zu einem geheimnisvollen, schwe- bend leicht erzählten Gedankengeflecht. Scrima sinniert voll lyrischem Schwung über die Vergänglichkeit von allem, was uns wichtig war, und das allmähliche Schwinden unserer eigenen Tage.

— René Freudenthal, Carl-Schurz-Haus, April 2018

 

Linearität im Erzählen wird zugunsten einer durchlässigen, assoziativen Komposition aufgegeben, die Ebenen verwischt durch das mantraartige “doch das kam später”. Zeitgeschichte wirkt als Raunen im Hintergrund. Die Rekonstruktion des bewegenden Jahrzehnts, in dem das Vagantenleben der Erzählerin stattfindet, erfolgt über Zeitungsschnipsel, die sie sich quasi künstlerisch einverleibt. Was bleibt ist die Frage nach der eigenen Identität in dem Raum-Zeit-Gefüge: Wie sehr ist die Künstlerin heute die, die sie in den Farbschichten ihrer Bilder, ihren Texten und den Schichten ihrer Vergangenheit findet? Andrea Scrima kann in ihrem autobiografisch gefärbten Debüt wunderbar davon erzählen. 

— Senta Wagner, Buchkultur 177, April 2018

Come today to the Parataxe presentation at 8 pm
in “ausland,” Lychener Str. 60, 10437 Berlin.
Readings by MARIE-PASCALE HARDY (Canada/Berlin) and BRYGIDA HELBIG (Poland/Berlin), moderated by our very own Katy Derbyshire (UK/Berlin).
We’ll also be celebrating the release of the third issue of Berlin’s online literature magazine for writers writing outside the German language: stadtsprachen.de.

27 texts by 25 Berlin-based authors and translators in 10 languages ranging from Arabic and Mandarin to Yoruba – in the original and the majority in German translation.
It’s a unique achievement and an ambitious project, so come and enjoy!

PARATAXE – die internationalen Literaturszenen Berlins
stadtsprachen – Magazin der internationalen Literaturen Berlins
c/o Berliner Literarische Aktion e.V.
Kastanienallee 2
D – 10435 Berlin
Tel.: +49(0)30/53155963
www.stadtsprachen.de
www.berliner-literarische-aktion.de

 

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Wie viele Tage will be published by Literaturverlag Droschl, Graz, in February 2018.

Listen to the clip on youtube:

 

Quicktime photo

 

Ein paar Nachbarn trafen ein; einer der Männer aus dem Haus nebenan, wo zwei Stanleys und zwei Wandas wohnten und ein Polizist namens Jim, der an jedem 4. Juli zu Sonnenuntergang das opulenteste Geheimlager an Feuerwerkskörpern zum Vorschein brachte, das wir je gesehen hatten, wie ein zu groß geratenes Kind, das einen versteckten Vorrat Spielsachen hortet, und sie in die frühen Morgenstunden abschießt. Scheißkorrupt, sagtest du. Sie sind gesetzlich verpflichtet, das Zeug abzugeben, und was macht er? Typisch irischer Bulle – hat sie irgendwelchen Kids abgeknöpft. Einer der Stanleys kam auf mich zu, um mir sein Beileid auszusprechen, und ich spürte, wie mich eine Welle von Schwindel erfasste; er streckte die Hand aus, und obwohl ich zutiefst bewegt war, kam mir der Gedanke, dass ihn vielleicht bloß eine morbide Neugier motivierte. Ich zielte auf seine Wange und drückte stattdessen einen feuchten Kuss auf seinen Hals, ein Spasmus der motorischen Steuerung, die kurzfristig daneben gegangen ist; ich wich zurück und musterte diesen Mann, dessen langes strähniges Haar über den Schädel gekämmt war, um die kahle Stelle zu verdecken, der jeden Abend eingeschlafen und jeden Morgen erwacht war mit seinem unrasierten Kinn auf einem nur wenige Meter von meinem entfernten Kissen, der die gleiche Straße zur gleichen Bushaltestelle hinuntergegangen war wie ich, ohne mit einem von uns auch nur ein einziges Wort zu wechseln, einen einzigen Blick, Tag für Tag über Jahre hinweg.

 

Übersetzung: Barbara Jung

I’ll be reading from A LESSER DAY this evening at a place called ausland.

How much of our lives is contained in the places we’ve lived in? And does memory have a spatial dimension? As the narrator attempts to locate meaning in the passage of time as it inscribes itself into the myriad things around her, she discovers instances of illusion and self-deception—the flaws in human perception that reveal themselves when we examine the mechanisms of our own thinking: “The amnesia that follows, when the mind carefully buries its new discovery, only digging it up some time later when it’s certain of being alone, unobserved, turning it over and over, sniffing at it as though it were a dried-out bone.”

Together with Ben Miller and Charlotte Wührer.

Doors open at 7 p.m.

Lychenerstraße 60, 10437 Berlin

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Excerpt from my essay, (Re)Reading Don DeLillo in Dark Times:

“Are we more similar to animals than we care to admit, caught in vast murmurations and blind herds that obey some ancient code humming in our DNA? Or have we merely gotten used to believing our own stories? I mean not only to celebrate the work of one of our most influential, prescient, brooding, analytical minds but to comb it for clues, metaphors, a vocabulary and a language that can somehow explain us to ourselves. What can literary fiction achieve in a culture that has itself surrendered to fiction? That is more comfortable with make-believe than with doing the tedious work of trying to figure out why things are the way they are? Americans are addicted to fun—it’s what makes the U.S. so charismatic, and so good at popular culture, and enviable in so many ways, but it’s at the heart of a breakdown in discourse and a disassociation from reality that has us, literally, making things up as we go along. Americans want to be fired up, engaged emotionally—they want to get teary-eyed, earnestly confess, make solemn avowals. Does our literature help us to dig deeper, does it peel away the lies we tell ourselves, or does it perpetuate the problem through a self-celebration and nostalgia that reinforce the myths we’ve created about ourselves?”

Watch the full panel here:

 

The conference title, “The Body Artist,” refers not specifically to DeLillo’s 2001 novel, but to DeLillo himself, an artist who has spent a career dramatizing personal encounters with impersonal systems, the human body facing the inhuman machine. The event will feature panels and presentations predominantly by literary artists, fiction writers thinking about this fiction writer’s work—what it is, what it has meant, and what it means now.

Panelists:
— Scott Cheshire, “Don DeLillo’s Gods: A Taxonomy”
— Tyler Malone, “‘You Have Not Convinced Me’: David Markson, Don DeLillo, and the Narcissism of Minor Difference”
— Fred Gardaphe, “Masquerade Americana: Don DeLillo’s ‘Italianitá’ in a Minor Key”
— Andrea Scrima: “(Re)reading Don DeLillo in Dark Times”

The conference will consider not only DeLillo’s themes—paranoia, global terrorism, underground conspiracies, consumerism, digital technology, media, gender, and race—but also his craft, humor, language, style, spirituality and Catholicism, Italian-American identity, and his representations of New York, the city in which the conference will take place.

The New School | http://newschool.edu

Location: The Auditorium, Alvin Johnson/J.M. Kaplan Hall
66 West 12th Street, New York, NY 10011
Saturday, April 29, 2017 at 9:00 am to 4:30 pm