The cover design is complete. “Wie viele Tage,” the German translation of “A Lesser Day,” coming out in the spring of 2018 with Literaturverlag Droschl, Graz, Austria.

Scrima-COVER

Photo: Eliza Proctor

 

Kent Avenue. Der kahle Raum, der überwältigende Ausblick. Unter der Decke entlang laufende Rohrleitungen, Fenster über die gesamte Vorderfront; draußen die Betonfabrik und der Brooklyn Navy Yard und in der Ferne die stetige Prozession von Lichtern, die sich über die Manhattan Bridge und den Franklin D. Roosevelt-Drive hinaufbewegten. Wie ich alle Lampen im Atelier löschte und im Dunkeln saß, hinausblickte auf die Stadt, in der ich geboren war, in der meine Mutter geboren war, mein Vater geboren war – und eine Großmutter, ein Großvater, doch da endet die Spur, verliert sich in dem Moment, wo sie wieder die Küsten des alten Kontinents berührt. Wie ich Großmutters Sessel aus dem Keller schleppte, wo er seit zwanzig Jahren, fünfundzwanzig Jahren im Dunkeln gestanden hatte, ihn am Kofferraum des Autos meiner Mutter festschnürte und nach Brooklyn fuhr; doch das kam später. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus, schüttelte die Krümel des Schaumstoffs aus, der nach all den Jahren spröde geworden und in Auflösung begriffen war; der kunstvoll eingenähte Reißverschluss, dieser komische Stoff mit dem Postkutschenmotiv, wieso hat niemand von uns je nähen gelernt, irgendwann gab es für diesen Sessel mal einen kompletten, perfekt passenden Schonbezug mit einem kleinen steifen Volant am unteren Rand und Paspeln an sämtlichen Nähten. Ich schüttelte den Polsterbezug am Fenster aus und schaute zu, wie die orangefarbenen Krümel des maroden Schaumstoffs von einem Luftstrom erfasst wurden, der vom Fluss heraufblies, wie sie schwebten und im Schrägflug bis ganz nach unten auf den Boden segelten; und dann entglitt mir der Bezug und fiel die acht Stockwerke hinunter auf die Straße. Und da lag er, dieser Bezug mit dem Postkutschenstoff, mitten auf der Kent Avenue, und ein Lastwagen fuhr über ihn hinweg, und dann noch einer; doch das kam später. Und daran zu denken: wie Großmutter all die Jahre in ihrem Sessel saß und häkelte, im oberen Stockwerk, im Haus auf der anderen Seite des Hafens, bevor der Stoff verschlissen war, bevor ihre Möbel hinunter in den Keller getragen wurden und oben die ersten Mieter einzogen, dort wo einst Sumpfland gewesen war, vor Jahrhunderten trockengelegt von holländischen Siedlern. Und daran zu denken: dass dieses Gebäude existiert hat, dieses Fenster die ganze Zeit existiert hat, gewartet hat, dass der Metallgriff am gusseisernen Fensterrahmen, hier, jetzt, direkt vor mir, geöffnet und geschlossen von so vielen Händen, so viele Jahre lang, auf mich gewartet hat, auf diesen Moment gewartet hat, auf Großmutters Sessel und die orangefarbenen Krümel von altem Schaumstoff, zu sehen vom Brooklyn-Queens-Expressway in der Nähe der Ausfahrt Flushing Avenue, inmitten einer Landschaft aus Lagerhäusern und Wassertürmen und Gerüsten mit riesigen Neonschildern. Und nun saß ich an diesem Fenster mit einer unbestimmten Zeitspanne vor mir, sechs Monate, ein Jahr, und dann sah ich es zum ersten Mal, das Elektrizitätswerk, in dem du gearbeitet hast, als wir klein waren, bevor du nach Kips Bay versetzt worden bist. Du, und du. Wie kommt es, dass ich es nicht vorher gesehen habe, wie kommt es, dass es beim Namen der Straße nicht geklingelt hat, Kent Avenue: der weit entfernte Ort, wo du jeden Tag hinfuhrst, von dem du jeden Tag heimkamst, der mythische Klang, den er einmal besaß, und bloß ein Wort, die Art, wie du es aussprachst; vergangene Zeiten.

 

Übersetzung: Barbara Jung

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